Martina Eberl: „Üben kann man nie genug“

Ex-Tourspielerin Martina Eberl über die Schattenseiten des Profigolfs, den Zahlenrausch im modernen Coaching – und warum Prävention im ambitionierten Amateurgolf noch immer stiefmütterlich behandelt wird.

INTERVIEW: Yvonne Bechheim

Wenn deutsche Golferinnen ihrer Generation über die LPGA-Tour erzählen, fällt selten ein Name so oft wie Martina Eberl. Die heute 45-Jährige aus München gehörte fast zehn Jahre lang zur europäischen Spitze – mit einem Sieg auf der Ladies European Tour 2007 als Höhepunkt einer Karriere, die mit Disziplin, harter Arbeit und einem ungewöhnlich langen Atem geprägt war. Vier Jahre auf Tour ohne Sieg, dann der Durchbruch: Eberls Geschichte ist die einer Spielerin, die nie aufgehört hat zu üben.

Eine, die geblieben ist

Mit der Geburt ihrer beiden Töchter zog sie 2014 endgültig den Schlussstrich unter ihre aktive Karriere und entschied sich für das, was viele Ex-Profis vermeiden: Sichtbarkeit. Heute ist Eberl Coach, Unternehmerin, Podcasterin („The Pink Table“) und auf Instagram mit ihren „Golf-Häppchen“ eine der reichweitenstärksten deutschsprachigen Stimmen ihres Sports. Sie betreibt eine eigene Golfschule, gibt Camps im Achental und arbeitet mit dem Münchner Orthopäden Dr. Meschede an einem Thema, das ihr zunehmend wich tig wird: der Wirbelsäulen-Prävention im Golfsport. Außerdem ist sie ein gefragter Mindset-Speaker.

Für Golf Eagle hat sie sich Zeit für ein Gespräch genommen – mit Yvonne Bechheim, Diplom-Sportlehrerin, Autorin und eine der gefragtesten Expertinnen für Präventionskonzepte im deutschen Gesundheitsmarkt. Ein Gespräch über zwei Karrieren, zwei Welten und einen gemeinsamen Nenner: die Frage, wie Bewegung im Sport wirklich verstanden wird.

Zehn Stunden Training pro Tag – und heute?

Bechheim: Fast zehn Jahre nach dem Karriereende: Wer ist Martina Eberl heute – und wie weit ist das noch von der Spielerin von damals entfernt?

Eberl: Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wer ich heute bin? Eine 45-jährige, alleinerziehende Mutter, die durch die Höhen und Tiefen des Lebens geritten ist und jetzt mit beiden Füßen fest im Leben steht. Eine, die weiß, was sie kann und was nicht.

Spielerisch ist die Distanz natürlich riesig. Damals habe ich zehn Stunden am Tag trainiert: Mental, Technik, Fitness, Equipment-Fitting. Ich habe den ganzen Tag nichts anderes gemacht, als mich darum zu kümmern, ordentlich Golf zu spielen. Heute gehe ich einmal die Woche zum Damentraining und auch das musste ich zuletzt oft skippen.

Trotzdem treffe ich den Ball gut. Ich haue ihn sogar weiter als früher, weil ich heute mehr Muskulatur habe. Wir haben damals einfach nicht gut genug trainiert in der Fitness-Nummer. Aber die Profi-Spielerin von damals mit der von heute zu vergleichen, das wären Äpfel mit Birnen. Das geht nicht.


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Bechheim: Wenn Sie Ihre Tourzeit mit heute vergleichen: Was hat Sie mehr geprägt der Erfolg auf dem Platz oder das Leben danach?

Eberl: Auch das kann man nicht vergleichen. Der Erfolg kam erst nach einer sehr, sehr langen Leidenszeit. Ich war kurz davor aufzuhören. Die Auffassung, dass ein Profigolfer immer viel Geld verdient und tolle Sponsoren hat – das war bei uns gar nicht so. Als Frau damals war es ein brutales Ungleichgewicht im Vergleich zu den Männern. Wir hatten keine sozialen Medien. Wir waren nur interessant, wenn wir im Fernsehen liefen.

2003 war mein erstes Jahr auf der Tour. Gewonnen habe ich erst 2007 – und in dieser Zwischenzeit gab es mehr Niederlagen als Lichtblicke. Das nagt an einem. Aber es prägt auch: dass man nie aufgeben darf, dass sich harte Arbeit lohnt. Egal, wie es ausgeht.

Das Leben danach war anders geprägt: als Mutter, als Geschäftsfrau, als Coach. Auf der anderen Seite zu stehen, andere schwingen zu lassen, zu spüren, wem ich wirklich helfen kann, das ist ein eigenes Kapitel. Ich teile mein Leben in Kapitel ein, und jedes davon ist worth it to live. Welches besser oder schlechter war, kann ich nicht sagen.

Sichtbar bleiben – als bewusste Entscheidung

Bechheim: Viele Ex-Profis verschwinden in der Öffentlichkeit, Sie nicht. War das ein bewusster Schritt oder hat sich das einfach so entwickelt?

Eberl: Beides. Ich entscheide das schon selbst. Ich glaube, ich hatte immer einen guten Ruf und viel intrinsische Motivation. Selbst jetzt, mitten in der Saison, denke ich: Ich würde gern noch mal etwas anschieben. Heute habe ich mit meinem Geschäftspartner über TikTok gesprochen, eine weitere Plattform, die man bespielen kann.

Beschäftigt zu sein, das ist mein Ding. Fulltime-Mom war und bin ich nicht. Ich habe Spaß daran, Dinge anzuschieben und andere zu motivieren. Als Role-Model dazustehen, das erfüllt mich.

Trackman, Sprungkraft, Fehlerkultur: Was sich verändert hat Bechheim: Golf hat sich verändert: Technik, Athletik, Mindset. Wenn Sie heute auf der Tour spielen würden – was würden Sie komplett anders machen?

Eberl: Sehr viel. Fangen wir bei der Technik an: Als ich aktiv war, gab es keinen Trackman, keine Radarmessgeräte. Wir hatten Videoanalyse und jemanden, der die Zusammenhänge zwischen Schläger und Körper verstanden hat. Heute liefern die Zahlen vom Trackman die Bestätigung. Wir haben damals 20 Bälle mit einem Gedanken geübt, dann ein Video gemacht und geschaut, ob es etwas gebracht hat.

Das war im Vergleich zu heute stiefmütterlich, aber es hatte einen Vorteil: Ich habe gelernt, den Schwung zu verstehen, mit meinen Händen umzugehen, zu spüren, wie sich ein Schlag anfühlt. Das vermisse ich bei vielen Coaches heute. Sie können die Zahlen deuten, aber die Herleitung, die empathische Eingebung, woher etwas kommt, fehlt oft.

Athletik: eine komplett andere Geschichte. Ich bin in der Woche einen Marathon gelaufen. Heute weiß man: Krafttraining, Explosivkraft, Sprungkraft – das ist entscheidend. Joggen sollte man eigentlich kaum mehr. Davon habe ich als Spielerin nicht profitiert. Aber heute, als Fitnesstrainerin, weiß ich es besser.

Mindset: ist in aller Munde. Fehlerkultur, dass Versagen kein hartes Wort sein muss, dass aus Fehlern Lernen entsteht, das hätte man uns damals stärker mitgeben können. Heute hat jeder das Wissen am Handy. Früher war Bob Rotellas „Golf is not a game of perfect“ das Höchste der Gefühle.

Und ich bin heute ein Messmensch. Ich messe Blutzucker, Muskelkraft, Körperfett. Ich trage einen Oura-Ring, messe meinen Schlaf. Was ich nicht weiß, das schätze ich nur – und kann komplett danebenliegen.

„Viele Coaches können Zahlen deuten – aber nicht erklären, warum etwas passiert.“

Der größte Denkfehler ambitionierter Amateure

Bechheim: Sie arbeiten heute als Coach und Expertin. Wo sehen Sie bei ambitionierten Amateuren den größten Denkfehler im Training?

Eberl: Es gibt nicht den einen größten Denkfehler, aber einen, der sehr verbreitet ist: zu glauben, man hätte genug geübt. Üben kann man nie genug. Vor allem, weil viele erst Anfang, Mitte 40 anfangen oder noch später, mit 50 oder 60.

Ich mag den Vergleich aus einem Podcast: Unser Gehirn ist wie Plastik. Solange es jung ist, ist es weich und formbar. Je älter wir werden, desto härter wird es. Genauso ist es mit dem Golfschwung. Deshalb braucht es Wiederholungen.

Und ich beobachte: Ich werde dauernd nach Mental Hacks gefragt. Ich habe gerade mit meinem ehemaligen Mentaltrainer einen Kurs ausgeschrieben. Die Buchungen sind überschaubar. Aber wenn unter zehn Golfern acht stört, dass ein Reißverschluss raschelt, während sie abschlagen, dann braucht jeder mal eine Fokus-Session. Wie soll das sonst gehen? Als ich gespielt habe, war im Publikum nie Ruhe.

Bechheim: Hand aufs Herz: Wird im Golfsport zu viel Technik trainiert oder zu wenig Bewegung verstanden?

Eberl: Beides. Aber vor allem: Bewegung wird nicht richtig verstanden und nicht richtig erklärt. Viele Trainer lieben die Trackman-Zahlen und sagen: Der Schläger muss drei Grad mehr von innen kommen. Damit kann der normale Golfer nichts anfangen. Man muss das in Bildersprache übersetzen.

Ein guter Golflehrer versteht das Schraubenkonzept: Wenn der Körper das tut, macht der Schläger das. Früher hat man am Schläger angesetzt und der Körper musste sich anpassen. Heute setzt man am Körper an. Aber der Golfschwung ist im Grunde etwas sehr Logisches.

Martina Eberl setzt auf Fitness Training.

Prävention: zu wenig im ambitionierten Bereich

Bechheim: Rückenschmerzen und Überlastungen sind im Golfsport keine Seltenheit. Wird Ihrer Meinung nach genug in Prävention investiert, gerade im ambitionierten Bereich?

Eberl: Ein Thema, mit dem ich gerade selbst stark konfrontiert bin. Ich glaube, die Prävention rund um Wirbelsäule und Bandscheiben wird viel zu stiefmütterlich betreut. Mit Dr. Meschede, einem Münchner Orthopäden, mit dem ich zusammenarbeite, sehe ich täglich, wie viele Golfer ohne Schmerzmittel gar keine 18 Loch mehr spielen können.

Ich selbst habe gewisse Abnutzungserscheinungen. Mitte 40, Leistungssport, Sport, der extrem auf den Rücken geht. Der Radiologe hat gesagt: Es ist nicht zu spät. Sie müssen die innere Muskulatur besser trainieren. Dafür gibt es spezielle Geräte, die an die Muskulatur herankommen, an die normales Krafttraining nicht herankommt.

Es wird heute insofern präventiv mehr getan, als die Golfer fitter sind als die Generation vor mir. Damals wollte man von Sport nichts wissen. Mit Tiger Woods und Annika Sörenstam kam das Thema nach oben. Heute kümmert sich jeder darum. Die Prävention gegen extremen Verschleiß funktioniert, aber sie kann besser werden.

„Die Prävention rund um Wirbelsäule und Bandscheiben wird viel zu stiefmütterlich betreut.“

Bechheim: Wenn Sie Ihre Karriere heute neu starten könnten würden Sie den gleichen Weg noch einmal gehen?

Eberl: Ich weiß es nicht. Ich bin ihn damals gegangen, weil ich keinen Plan B hatte. Nach der Realschule sollte ich Bürokauffrau im Betrieb meiner Eltern werden. Ich war genau einmal in der Berufsschule – das war nicht mein Ding. Ich war damals schon weit oben im deutschen Amateurgolf, der Deutsche Golfverband hat mir die Topspitzenförderung angeboten. Meine Eltern haben gesagt: Gut, dann ist das deine Ausbildung zum Profi. Damit war es entschieden.

Heute habe ich zwei wunderbare Töchter, 13 und 16. Wenn sie selbst Profi werden wollten, ich wäre nicht begeistert. Ich weiß, wie zermürbend dieser Sport für die eigene Seele sein kann. Und für den Verdienst, den eine Frau am Ende dafür bekommt, muss schon brutales Brennen da sein. Ich hatte das Brennen damals. Aber das Feuer ist im Lauf der Karriere kleiner geworden – auch ohne Kinder hätte ich irgendwann aufgehört.

Bei den Männern ist das anders. Wer dort vorne mitspielt, verdient so viel, dass er sich mal eine Pause gönnen kann. Das konntest du als Frau nicht. Dementsprechend hatte ich am Ende einen kleinen Burnout, was das ganze Golf-Thema betrifft. Ich war froh, dass ich kleine Kinder hatte, um vom Golfen wegzukommen. Eine richtige Pause habe ich mir nie gegönnt – aber zumindest vom professionellen, aktiven Spielen.

MEHR VON MARTINA EBERL

Podcast: „The Pink Table“ – der Sportler-Podcast – Gespräche auf Augenhöhe mit Olympiasieger:innen, Weltmeister:innen und Weltklassesportler:innen. Verfügbar auf Spotify, Apple Podcasts und YouTube.

Instagram: Mit den „Golf-Häppchen“ erklärt Martina Eberl Golf so leicht wie möglich – auch dort, wo der Sport gerne kompliziert wirkt.

Coaching: Camps im Achental, Golfreisen und Einzelunterricht. Zugänglich für Spieler:innen ab Handicap 28.

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