Vom verschwundenen Wunderkind zum 4-Millionen-Dollar-Sieger – Anthony Kim schreibt in Adelaide das vielleicht überraschendste Kapitel der aktuellen Golfsaison.
Stell dir vor, du opferst zwölf Jahre deiner Weltkarriere für Drogen, Alkohol und sieben schwere Operationen. Anthony Kim war am absoluten Tiefpunkt angelangt, bis er Vater wurde und für seine Tochter den Entzug durchzog. Gestern gewann er, 16 Jahre nach seinem letzten Titel, wieder ein Turnier mit Preisgeldern in Millionenhöhe.
Was sich anhört wie ein überzeichnetes Sportmärchen, passierte bei LIV Golf Adelaide tatsächlich. Kim gewann mit einer 63 (-9) am Sonntag und insgesamt 23 unter Par – im direkten Duell mit Jon Rahm und Bryson DeChambeau. Zwei Spieler, die normalerweise nicht zuschauen, sondern dominieren.
Vor der Schlussrunde lag Kim fünf Schläge zurück. Während DeChambeau früh patzte und Rahm solide, aber ohne große Dynamik spielte, wurde Kim immer präziser. Vier Birdies auf den ersten neun Löchern, dann kam das Schlüsselmoment an der 12: ein gelochter Putt aus gut fünf Metern im lautesten Eck der Anlage. Von da an kippte das Turnier.
Mit Birdies auf den Löchern 13, 14, 15 und 17 wurde aus einem Außenseiter ein souveräner Sieger. Rahm musste sich mit Platz zwei zufriedengeben und DeChambeau fiel mit einer 74 deutlich zurück. Kims Eisen waren scharf, sein Putter heiß – vor allem aber wirkte sein Spiel kontrolliert. Keine Show, kein Überdrehen. Einfach gutes Golf. Der Lohn dafür waren vier Millionen US-Dollar Preisgeld und sein erster Profi-Sieg seit 16 Jahren.
16 Jahre sind im Profigolf eine Ewigkeit
Kim holte seinen letzten Sieg auf der PGA Tour 2010 bei der Shell Houston Open. Damals galt er als kommender Superstar: Ryder-Cup-Spieler, aggressiv, charismatisch, schnell erfolgreich. Dann stoppte ihn eine Achillessehnenverletzung. Es folgten weitere Operationen, darunter eine Wirbelsäulenversteifung.
Was zunächst wie eine längere Verletzungspause aussah, wurde ein kompletter Rückzug. Zwölf Jahre lang war Kim aus dem Profigolf verschwunden. Es machten Gerüchte über Versicherungszahlungen die Runde, doch tatsächlich kämpfte er mit anhaltenden körperlichen Problemen, mentalen Krisen und Sucht.
Er selbst sprach später offen über Drogen, Alkohol und Depressionen. Über falsche Menschen in seinem Umfeld. Über sehr dunkle Phasen. Dass er überhaupt wieder auf der Tour auftauchen würde, hielten viele für ausgeschlossen.
2024 erhielt er eine Wildcard von LIV Golf. Der Neustart verlief jedoch holprig. Er erzielte kaum nennenswerte Ergebnisse und verlor zwischenzeitlich sogar seinen Status. Doch zuletzt zeigte die Kurve nach oben: Er erreichte einen Platz unter den Top Fünf beim Saudi International, kehrte erfolgreich über das Promotions-Event zurück und nun folgte der Sieg in Adelaide.
Kim ist heute 40 Jahre alt, Familienvater und seit zwei Jahren nach eigenen Angaben nüchtern. Er spricht von Disziplin und Struktur und davon, „jeden Tag ein Prozent besser“ werden zu wollen. Das klingt simpel, scheint aber zu funktionieren.
Mehr Realität als Märchen
Bemerkenswert an diesem Sieg ist weniger die Dramaturgie als die Qualität des Spiels. Kim gewann nicht durch Chaos, sondern durch Kontrolle. Nicht, weil andere komplett einbrachen, sondern weil er am Sonntag der Beste war. Dass Jon Rahm anschließend sagte, es sei „eine Freude gewesen, das zu sehen“, sagt viel über die Wahrnehmung in der Szene aus. Respekt bekommt man im Profigolf nicht geschenkt.
Ob dies der Beginn einer stabilen zweiten Karriere ist, bleibt offen. Aber eines steht fest: Anthony Kim ist nicht mehr nur die Geschichte eines verlorenen Talents. Er ist wieder ein relevanter Faktor im Turniergeschehen. Und das allein ist schon bemerkenswert genug.
