Es ist Sport. Und Sport ist eine Nebensache des Lebens. Dass sie für viele von all den Nebensachen als die wichtigste erachtet wird, ist dem Umstand geschuldet, dass der Sport eben manchmal Geschichten schreibt, die darüber hinaus gehen, was wir als Leben erachten. Die besten Geschichten schreibt das Leben, die unglaublichsten, schönsten, spannendsten und spektakulärsten schreibt – so sagt der Sportfan –, genau: der Sport.

Neueste Volte: der Solheim Cup 2019 in Gleneagles, Schottland. Die Hauptrolle: Suzann Pettersen. Wieder einmal. Aber eben diesmal: alles anders. Noch einmal kurz zurück: Solheim Cup 2015 in St. Leon-Rot. Es ist Sonntag, Europa führt 9:6, als Suzann Pettersen der US-Debütantin Alison Lee einen Putt nicht geschenkt haben will, den die 20-Jährige aufhebt. Es folgen: Tränen, Skandal, Kritik. Aus dem 10:6 für Europa wird eine Pleite. Alle sind aufgelöst, die US-Frauen aber wütender – und erfolgreicher. Die Norwegerin Pettersen verschwindet weinend im Hotelzimmer und entschuldigt sich einen Tag später. „Es fühlt sich an, als hätte ich das Team im Stich gelassen.“ Sportlich zu spät, menschlich gerade noch rechtzeitig.

Nummer 635 der Welt

Vier Jahre später ist Suzann Pettersen die Nummer 635 der Welt, als sie nach Schottland reist. Sie hat in zwei Jahren nicht viel mehr Turniere gespielt als Kinder bekommen. Europas Kapitänin Catriona Matthew hat die 38-Jährige dennoch berufen – die Erfahrung der früheren Weltrangliste-Zweiten soll dem Team helfen, nicht jeder versteht das. Doch vielleicht hofft die Schottin Matthew auch, dass sich Pettersen von diesem Schock erholt, damals, vor vier Jahren. 2017, bei der klaren Niederlage in den USA, war sie verletzt. Nun die Chance auf Wiedergutmachung. Matthew steckt die Kritik weg, Pettersen die Erinnerungen.

Und so kommt es, wie es der Sport so gerne hat. Es ist der vielleicht beste Moment in der 29-jährigen Geschichte des Solheim Cup, zumindest aus europäischer Sicht. Es steht 13,5:13,5, noch ein Match ist auf dem Kurs. Pettersen muss gewinnen, um Europa den Cup zurückzuholen nach zwei Niederlagen. Die dritte war eigentlich schon besiegelt, Europa geschlagen, wieder einmal, keine Überraschung, vielmehr schön, überhaupt so nah gekommen zu sein.

8:8 hieß es nach den Vierern. Doch am Sonntag stand es schnell 13,5:12,5. Zwei Matches, ein halber Punkt, das musste doch möglich sein. Auch weil beide kurz vor Schluss noch ausgeglichen waren. Doch aus „Halved“ wurde zweimal: Europa vorn. Weil Bronte Law den Ian Poulter machte und Suzann Pettersen an der 18 einen Birdie-Putt aus drei Metern lochte, der alles war, was junge Golfer auf dem Putting-Green nachspielen. Ein Schlag, Pleite oder Triumph, Wiederauferstehung oder ewiges Zaudern. „Ich meine, kannst du nach mehr verlangen? Der letzte Putt, um den Cup zu gewinnen, wenn es so knapp ist?“ sagte Pettersen hinterher. Sie verlangte nicht mehr – und sie bekam alles. Sie lochte und der Rest war schreien, jubeln, Fazit ziehen. „Die Geschichte wurde gerade erst geschrieben. Hier vor diesem schottischen Publikum zu gewinnen? Das ist es. Das ist es“, sagte Pettersen. ESPN verglich die blonde Siegerin mit dem Seve Ballesteros, dem spanischen Gesicht des europäischen Ryder Cups. Die Frauen haben nun das norwegische Gesicht des europäischen Solheim Cups. Laura Davies, stellvertretende Kapitänin des Team Europa und bislang so etwas wie die Vorzeigegolferin Europas als Rekordteilnehmerin, sagte später: „Pettersen ist die größte Wettkämpferin, der ich je begegnet bin“. Der letzte Beweis: Ein eiskalter Putt in der hitzigsten Atmosphäre vor Zuschauern, die in 20 Reihen um das 18. Grün standen. Mehr als 90.000 Menschen wurden vor Ort Zeuge dieses Spektakels.  

Was soll da noch kommen?

Klar, Rookie Céline Boutier hat sicherlich noch große Ziele nach unglaublichen vier Punkten. Caroline Masson will das nächste Mal sicher auch wieder dabei sein und mehr als 0,5 Punkte holen. Aber Pettersen? 2015 war nun weit weg, die Stimmungslage nicht zu vergleichen, wenn auch ähnlich emotional. 2011 hatte sie schon einmal Team Europa zum Sieg geputtet. Aber das hier, nach all den Tiefen seither? „Ihr werdet mich nie mehr im Soheim Cup spielen sehen“, sagte sie am Abend. Und sie ging noch weiter. „Es ist der perfekte Abschluss meiner Solheim Cup Karriere – und meiner Karriere überhaupt. Ich bin fertig.“  

Es gibt keinen besseren Moment, Pettersen weiß das. „Das 18. Loch, der letzte Schlag, der letzte Putt, es ist das ultimative Szenario, wirklich.“

Europa jubelte und irgendwo stand Laura Davies. Sie hat in zwölf Solheim Cups für Europa abgeschlagen, den ersten zwölf überhaupt. Ihr 25 Punkte sind Rekord. Davies also stand da auf der Anlage in Gleneagles und auch sie dachte noch einmal an 2015 zurück. Dann sagte sie:

„Vom Bösewicht zurück zum Helden. Wie gut ist denn das?“