Batur Raza Mohammad, Designer Galvin Green

Wie wichtig ist Schönheit, liebe Designer?


Was lässt sich planen im Golf? Sicher nicht das Ergebnis. Aber vielleicht, wie es ausschaut, wenn wir über den Platz gehen?

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Ist Schönheit oberflächlich? Oder greift sie tiefer in die Verästelungen des menschlichen Charakters als man meinen könnte, zumindest wenn es um die Schönheit der Dinge geht, die uns umgeben? Der Einfluss der Schönheit des Individuums auf sein Wesen gilt ja gemeinhin als unbestritten. Aber macht ein schöner Schuh etwas mit einem Menschen? Ein perfekt sitzendes Poloshirt? Wie weit reicht der Arm des Designers und seiner Kunst?

Der weltbekannte Designer Peter Schmidt sagte einst im Magazin der Süddeutschen Zeitung: „Man kann Menschen mit Hässlichkeit erschlagen wie mit einer Axt, oder man kann sie durch die Veredelung von Alltagsgegenständen zu schönheitsbewussten Wesen erziehen.“ Die Dinge, die uns umgeben, prägten uns demnach ähnlich stark wie die Sprache, die wir sprechen. Also gelte, so Schmidt: „Die Gewöhnung an die alltäglichen Scheußlichkeiten greift tiefer in unseren Charakter ein, als viele meinen.“

„Design macht den Unterschied“

Als Gegenteil einer alltäglichen Scheußlichkeit gilt der Porsche 911, die gerne als Ikone der Sportwagengeschichte bezeichnete Schöpfung von Ferdinand Alexander Porsche, zeitlos schön, legendär unverschnörkelt und quasi über Jahrzehnte im Grunddesign der Gleiche geblieben. Kann man von derartigen Erfolgsgeschichten des Produktdesigns etwas lernen? Was sagen die, die sich um das Vermächtnis und die Fortführung der 911 kümmern? „Design macht den Unterschied. Optisch, haptisch, sinnlich“, sagt Chefdesigner Michael Mauer. „Design hat somit Signalwirkung, schafft Identität, verspricht und wird zur Kontakt- und Beziehungsfläche.“ Und: „Der erste 911 gab mit seiner Grundform auch hier die Linien vor, die bis heute prägen.“ Für ihn ein Erfolgsrezept, das er anhand des neuen 911, dem 992, erklärt: Keine Linie zu viel. „Die Seitenansicht lebt einzig und alleine von ihrer Spannung und deren Ausformung.“ Ferdinand Alexander Porsche, der den 911 1962 schuf, war der Meinung: „Ein formal stimmiges Produkt braucht keine Verzierung.“ Das schlichte Design – fließende Seitenlinien, freistehende vordere Kotflügel mit flacher Fronthaube dazwischen – machte den 911 zu der Ikone, die er heute ist. „Er fährt, auch wenn er steht“, sagte einst Otl Aicher, ein weiterer großer Designer des 20. Jahrhundert, über den Porsche 911.

Und was heißt das jetzt für den Golfsport? Wie sieht es aus mit Stilikonen auf dem Golfplatz? Tiger Woods spottete einst: „Hockey ist ein Sport für weiße Männer. Basketball ist ein Sport für schwarze Männer. Golf ist ein Sport für weiße Männer, die sich wie schwarze Zuhälter kleiden.“ Und Pulitzer-Preisträger Dave Barry wusste: „Obwohl Golf ursprünglich auf wohlhabende, übergewichtige Protestanten beschränkt war, steht es heute jedem offen, der hässliche Kleidung besitzt.“

Modebewusstsein im Golfsport

Ist die Schönheit im Golfsport wirklich auf Kurse und sportliches Können beschränkt? Zumindest nicht überall. Es gibt sie, die Geschmack hin oder her, Wert darauf legen, wie sich Golfer kleiden, wenn sie auf dem Golfplatz eine gute Figur machen wollen. Und die den Spagat wagen zwischen Form und Funktion – dem Spagat, Golfern bei jeder Wetterlage ein idealer Begleiter und Unterstützer zu sein.

„Bei der Betrachtung von Schuhen und Komfort beim Gehen sollte die Form immer der Funktion folgen“, sagt Alex Bartolomew, die Frau hinter Royal Albartross, dem 2008 gegründeten UK-Unternehmen, das sich auf die besondere Pflege der Golfschuh-Kunst spezialisiert hat. Auch hier wie fast überall also „form follows function“. Ein Golfschuh müsse in erster Linie „performen, wenn es um Traktion und Komfort geht. Spielen wir Golf, bewegt sich unser Fuß anders als beim Laufen.“

Auch Batur Raza Mohammad, Designer bei Galvin Green, sieht im Golfsport eine „besondere Designwelt, in der Funktion und Komfort im Vordergrund stehen“. Dennoch: Wenn Bartholomew sich einst zum Ziel gesetzt hat, „world’s finest golf shoe“ zu kreieren – dann gilt das zuvorderst auch für Design und den Look der Materialien. Ein zumindest, ja, moderner Ansatz.

„Wir sind ein Fashion Lead Golf Brand“, sagt sie – und meint: In London konzentrieren sich die Schuhschöpfer hinter Royal Albartross mehr als andere eben auf Materialien und Designs.

Jedoch bedeutet das für Bartholomew auch, dass sie die Tradition und die Klassiker im Blick hat. „Wir kombinieren klassisches Design mit zeitgemäßen Schuhideen. Dabei werden aktuelle Trends durch Materialkombinationen und Farbwahl ausgedrückt. Die Schuhformen und Schaftformen jedoch basieren auf klassischem Design. Und wir fügen oft traditionelle Brogue-Details hinzu. Unser Lederriemendetail ist eine Anspielung auf jahrhundertealte Schuhherstellungstechniken, die unsere Sneakers mit unserer Ledersohlenkollektion auf Augenhöhe halten.“

Emotionale Kunst

Wenn Porsche es „einfach und clean“ halten will, darf es bei Royal Albartross schon auch – siehe Brogue-Muster – verspielt sein. Wichtig bleibt aber, dass die Handwerkskunst stimmt. „Das Handwerk ist quantifizierbar“, sagt Bartholomew. „Es hat einen Endzweck.“ Der heißt Qualität. Aber weil Funktionskleidung so weit weg ist vom Laufsteg wie das Karomuster vom Fairway-Revival, betonen immer mehr Golfbekleidungsfirmen den letzten Teil des Wortes Handwerkskunst. Auch Bartholomew: „Ich sehe Kunst als Ausdruck von etwas – es ist viel emotionaler und offener als das pure Handwerk. Unsere Schuhe werden in Handarbeit hergestellt – und dabei fehlt es nicht an Leidenschaft.“ Wenn sie ihre Schuhfabriken in Italien und Portugal besuche, fände sie dort ein ausgeprägtes Gefühl von Geschichte vor. „Sie sind sehr leidenschaftlich daran interessiert, die Dinge genau richtig zu machen.“

Kunst bleibt also zumindest hier nicht die Fähigkeit „funktionierende“ Kleidung herzustellen – auch wenn Galvin-Green-Designer Batur seine Schöpfungen erst durch die künstlerische Linse sieht, wenn „ich alle Notwendigkeiten erfüllt habe. Zuerst muss ich mich also aus dem künstlerischen Rahmen herausziehen und mich auf die Bedürfnisse eines professionellen Golfers konzentrieren und versuchen, Produkte zu entwerfen, die den Spielern helfen können, ihre Leistung zu verbessern.“

Es ist dann doch die Abgrenzung von der Haute Couture, von den Laufstegen und den Modecovern. Oder? Batur sieht seine Kreativität im Entwerfen vieler Arten von Kleidungsstücken. „Kunst interessiert sich nicht für die Bedürfnisse eines Golfers“, sagt er. Und: „Als Tech-Wear-Designer sehe ich mich als Problemlöser.“ Aber auch: „Kunst und Design sind für mich zwei verschiedene Dinge, aber sie gehen im Prozess Hand in Hand, bis das Endprodukt entsteht.“

Wie Bartholomew sieht er zeitlose Klassiker mit einem Hauch von aktuellen Trends als Ziel. Zudem glaubt er aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht auf Nachhaltigkeit. Das ist löblich. Die Brücke zum Land der Schönheit baut es alleine nicht. Es bleibt eine herausfordernde Beziehung zwischen Mode und Golf. Es ist eben kein Muss, keine Pflicht. Doch die Kür, sie könnte begeistern. Und wenn Batur Recht bekommt, erfreut sich die Szene bald wieder an Karomuster. „Die brauchen nicht lange, um wieder in Mode zu kommen“.

Ob das eine gute Nachricht ist, muss jeder selbst bewerten. Auch die anfangs aufgeworfene Frage „Macht Design im Golfsport wirklich den Unterschied?“ bleibt auch im Jahr 2019 weiterhin offen.