Chirurg mit dickem Bizeps


Glaube versetzt Berge, sagen sie. Brooks Koepka glaubte an eine Golf-Karriere. An eine große Golf-Karriere. Und weil lange niemand so genau hinschaute, dauerte es eben, bis die Golf-Gemeinde feststellte: Da erreicht jemand seine Ziele. Nach der PGA Championship 2019 ist der 29-Jährige viermaliger Major-Sieger und der vielleicht modernste Golfer des Planeten.

Von:

Es ist keine zwei Jahre her, da war Brooks Koepka der siebte Majorsieger in Folge, der sein erstes Major gewann. Es war die US Open im Juni 2017 und irgendwann in den 23 Monaten, die folgen sollten, hatte dieser Brooks Koepka aus West Palm Beach in Florida für sich etwas entdeckt, das Major-Gewinnen für ihn scheinbar so einfach machte wie Schlägerputzen. Die Folge: Im Mai 2019 ist dieser 29-Jährige für manche die beste Version eines Golfers seit Tiger Woods um die Jahrtausendwende – und nach seinem Sieg bei der PGA Championship viermaliger Major-Sieger.

Vier Major-Titel in acht Starts, dazu war er beim Masters im April Zweiter, einmal Sechster bei der Open Championship. Nie war einer schneller mit seinen ersten vier Majors. 23 Monate! „Dran bleiben“, nennt er seine Major-Gewinn-Formel. Alle anderen haben nicht das Können oder verlieren die Nerven und darauf das Turnier. Das sagte Koepka schon vor der PGA Championship. Der Letzte, der steht, nun auch in Bethpage: Koepka. Für ihn ist das keine Überraschung. Für viele andere schon. Weil sie nicht genau hingeschaut haben.

Koepka glaubte immer an sich. Auch wenn andere das eben nicht taten. Nach einem Unfall waren die Profiträume im Baseball, Basketball und Konsorten passé. Er stürzte sich auf den Golfsport, blieb lange unerkannt und gab dennoch nicht auf. Koepka hat einen großen Willen. Und er vereint mächtiges Kraftpotenzial mit einem klinischen Vermögen an Präzision – ein Chirurg mit dickem Bizeps. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich Koepka neulich einige Kilogramm abhungerte. Seine Arme waren vorher sehr, sehr kräftig und sehr, sehr dick. Nun sind sie sehr, sehr kräftig und sehr dick. Koepka, immer in Topform, wenn es wichtig wird, ist der modernste Golfer dieser Zeit. Und vielleicht ist es in diesem Zusammenhang für ihn ganz angenehm, dass dieser Koepka kein Kommunikationsprofi und Darling der Massen ist. So wurde er übersehen. Doch er verlor seine Ziele nie aus den Augen. Koepka ist, so Sports Illustrated, ein „Trackman-optimierter Killer“. CNN schreibt: „Major-Machine“.

Wenn es so weiter geht, sind seine Opfer wie bei Woods eine ganze Generation an Spielern. Eine große talentierte Gruppe, die sich immer wieder „Best of the rest“ nennen lassen darf, aber deutlich seltener ganz oben Pokale stemmt – weil das einer sehr regelmäßig selbst tut. „Wenn man es positiv sieht, macht er uns alle besser“, sagt Tommy Fleetwood. Der Engländer denkt dabei sicherlich auch an Woods, der eine ganze Sportart in Schlepptau nahm und ins Rampenlicht schleifte. „Mir wird es helfen“, zitiert Sports Illustrated Fleetwood. „Momentan ist es eine gute Sache.“ Nach einer Pause fügt er hinzu: „Glaube ich.“ Jason Day sagt: „Er spielt unglaubliches Golf. Der Letzte, bei dem ich das sah, war Rory.“

Über Kenia zum Major-Jäger

Niemand weiß, was kommt. Aber keiner zweifelt derzeit, dass Koepka definitiv dabei sein wird, ganz vorne. Er ist angekommen nach langer Reise – im doppelten Sinne. Koepka, aufgewachsen in Pennsylvania, verließ im Gegensatz zu seinen Kollegen die sauber gemähten Golfwiesen und das perfekte Klima in den USA, um in Europa und Asien sein Spiel fortzuentwickeln. Er, der Gewichtheben sein Hobby nennt, gewann Turniere in der Türkei und Schottland, spielte auch in Kenia, während die Altersgenossen zuhause zu Stars hochgejagt wurden.

Es ist die Schule, die ihm nun die Sicherheit gibt, auch in stürmischeren Zeiten. Er begegnet ihnen stoisch, was ihm den Ruf einbrachte, gar nicht so viel Spaß am Golfsport zu haben. Baseball, Basketball, Football – alles lieber, aber sollte nicht sein.

Auch am Sonntag, als sich Dustin Johnson, Kumpel mit Hassliebe-Potenzial zwischen Best Buddy und ärgstem Konkurrent, auf einen Schlag näherte, ließ er sich nichts anmerken, blieb ruhig, auch wenn alles im emotionalsten Moment seiner Karriere, wie er später zugab, münden sollte. Er glaubte wieder an sich, auch wenn das Publikum einen anderen bejubelte. Er fühlte sich geweckt von den Jubelschreien für den Gegner („Es hat mir geholfen“), er verschmerzte das Schmelzen des großen Vorsprungs, drückte aufs Gas und DJ zuckte, spielte zwei Bogeys, die PGA Championship war entschieden. „Das sprengt die Vorstellungskraft“, sagte Koepka am Abend nach dem Triumph. Nicht nur seine.

Zwei Tage vorher hatte auch Tiger Woods auf dem Weg zum Auto noch seinen obligatorischen Kommentar zu Brooks Koepka abgegeben. Er war gerade um einen Schlag am Cut gescheitert, doch auf Koepka angesprochen, musste er lachen: „Selbst seine Fehlschläge fliegen ja 330 Yards.“ Es war die Verneigung vor dem Nachfolger, dem neuen Dominator. Die PGA Championship 2018 in Bellerive hatte Koepka ebenfalls gewonnen – gegen einen heranstürmenden Woods, der am Sonntag eine 64 spielte. Koepka blieb damals trotz Titel in der Berichterstattung deutlich blasser und versteckter als der auferstandene Woods. Koepka ertrug es zumindest nach außen ruhig wie immer. Nun legte er nach. Und Woods war schon lange zu Hause.