Rainer Hosch.

Einer von ihnen


Joaquin Niemann, ehemalige Nummer eins der Amateurweltrangliste, spielt momentan seine Rookiesaison auf der PGA Tour. Perfect Eagle traf den 20-jährigen Shootingstar aus Chile während der Genesis Open in Los Angeles.

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Die Profigolfszene bemerkt immer wieder zwei verwandte Phänomene: wenn ein erfahrener, älterer Spieler nochmals im Herbst seiner Karriere auf Trophäenjagd geht (Tom Watson etwa bei der 2009 Open in Turnberry); oder wenn ein junger Athlet die erfahreren Spieler im Feld regelrecht vermöbelt (Tiger Woods war gerade Mal 21 Jahre alt, als er 1997 das Masters gewann).

Ein junger Spieler, der plötzlich auf der Bildfläche erscheint, einer, der zu früh seinen Zenit erreicht oder einer, der seinen letzten Ruhm erntet (Jack Nicklaus’ Masters Sieg 1998 etwa im Alter von 46 Jahren). Das sind die Geschichten, die uns fesseln und für den Sport begeistern. Die Zeit kann bisweilen grausam sein zu einer jungen Eintagsfliege, sich dann aber wieder umkehren und einem alten Champion neues Feuer einhauchen. Und dann gibt es diejenigen Akteure, die immer konstant und sicher vorne mitspielen, egal in welchem ​​Jahrzehnt (Jim Furyk, Bernhard Langer).

An dieser Stelle kommt Joaquin Niemann ins Spiel, der mit 20 Jahren bereits für jede Menge Aufmerksamkeit auf der PGA Tour sorgt. Nicht nur durch seine Jugend, sondern auch durch seinen ungewöhnlichen Geburtsort: Chile. Südamerika ist nicht gerade als Brutstätte von Golf-Superstars bekannt, aber mit Joaquin gibt es jetzt eine bemerkenswerte Ausnahme. Niemann verdiente sich seine Tourkarte im Alter von 19 Jahren und spielt nun seine erste volle Saison mit den großen Jungs.

“When I made it to the tour I was trying to be like one of them.”

Wir trafen den etwas schüchternen Golfer mit der leisen, ruhigen Stimme im Clubhaus des Riviera Country Clubs, wo der 1.83 Meter große und 70 Kilogramm schwere Chilene die Genesis Open mit so großen Namen wie Tiger Woods, Rory McIlroy und Jordan Spieth bestritt. Wir haben Joaco, wie er von Freunden genannt wird, gefragt, ob der Wandel von Nummer eins der Amateurweltrangliste zum PGA Pro massiver Anpassungen bedurfte oder es einzig ein neuer Tag am Golfplatz ist?

“Nun, ich habe all die Jungs jahrelang im TV gesehen, aber als ich es auf die Tour schaffte, wollte ich einfach nur einer von ihnen sein. Ich wollte ihnen nicht das Gefühl geben, dass ich sie anstarre oder sie gar um ein Photo mit ihnen fragen. Ich möchte einfach eine normale Person sein, so wie sie”, lachte Niemann.

“Das erste Mal spielte ich mit ihnen beim The Greenbrier (wo er bei -12 den geteilten fünften Platz erreichte, eine seiner vier Top Ten Platzierungen 2018) und ich hatte das Glück, die Trainingsrunde mit Sergio Garcia zu drehen. Ich wusste, dass die Jungs richtig, richtig gut sind, aber ich hatte das Gefühl, dass ich nicht so weit von ihnen entfernt bin und dass, wenn ich gut spiele, ich sie in einem Turnier sogar schlagen könnte. Sergio ist mir dabei übrigens bis heute eine große Unterstützung.”

“I wasn’t a big fan of watching golf – because I would always rather play!”

Als einer der jüngsten und verwegensten Spieler auf der Tour dieses Jahr, habe ich mich gefragt, was er denn so über die Legenden des Sports wie Hogan, Nicklaus oder Palmer weiß? Beispielsweise, war er sich bewusst, dass Riviera einmal “Hogan’s Alley” genannt wurde? Seine Antwort sprach Bände, wie schnell doch unser Leben vorbeizieht, und wie kurzlebig in Zeiten des Internets all unsere Erinnerungen sind.

“Ich habe begonnen Golf zu schauen, als Tiger in seiner Blütezeit war”, meinte der schlaksige junge Mann. “Sergio und Tiger waren meine Lieblingsspieler. Dann sah ich Rory und konnte kaum glauben, wie gut er ist. Ich mochte aber nie groß Golf schauen, denn ich wollte viel lieber immer selber spielen. Während der Majors schaute ich schon mal ein paar Löcher, aber ich habe nie jeden Tag oder das ganze Turnier vor der Glotze verbracht. Aber ja, ich versuche ein wenig mehr über die Geschichte des Spiels zu lernen.”

Das macht natürlich alles Sinn, wenn man sich vor Augen führt, dass Joaquin in Chile aufgewachsen ist. Und selbst in der golfaffinen Wohnanlage, wo er lebte, war Fußball die einzige Sportart, die den nationalen Medien wichtig war. „Bevor ich auf die PGA-Tour kam, haben sie kein Wort über Golf in den Zeitungen verloren“, sagte er mit einem Lächeln. „Aber seit ich letztes Jahr so ​​gut gespielt habe, haben sie angefangen, über etwas anderes als Fußball, Fußball, Fußball zu sprechen! Das ist ein gutes Gefühl.“

Joaquin fügte schnell hinzu, dass beide seiner Eltern ehemalige Sportler waren und er auch nichts gegen Fußball habe! „Meine Mutter hat in der chilenischen Nationalmannschaft Feldhockey gespielt“, sagte er stolz. „Sie sagt immer, dass ich nur deswegen Golf so gut kann. Und vielleicht hat sie recht! „

Es gibt eine mythologische Geschichte darüber, wie früh Joaquin sein Golftalent zeigte. Als er zwei Jahre alt war, schenkte ihm sein Vater zu seinem Geburtstag ein Golf-Set aus Kunststoff. Er schlug diesen kleinen Ball so gut, dass er im Alter von vier Jahren echte Schläger bekam, und traf dann seine arme Großmutter beim Grillen mit einem knackigen 40-Yard-Schuss ins Bein! Damals konnte die Familie noch nicht ahnen, dass er nur 15 Jahre später die Nummer 1 der Amateurweltrangliste wurde.

“I love to play golf – the only thing I don’t love is getting on a plane every week.”

„Ich habe seit meinem achten Lebensjahr Unterricht genommen“, sagte er über seine Anfänge im Golfsport. „Einer meiner Trainer – als ich zehn Jahre alt war – machte einen großen Unterschied in meinem Spiel aus und so fing ich an noch mehr zu trainieren. Dann, mit dreizehn, begann die Zusammenarbeit mit meinem derzeitigen Trainer, Eduardo Miquel, und er brachte mir bei, mich um mich selbst zu kümmern, was ich auch tue, und mir selbst zu vertrauen. Wenn ich an einem Sonntag einen schwierigen Schlag habe, vergesse ich einfach, dass ich in einem Turnier bin und tue so, als wäre ich auf der Driving Range. Eduardo hat mir gezeigt, wie wichtig das mentale Spiel vor allem anderen ist. “

„Wenn Du Dir die besten Spieler anschaust – zum Beispiel Rickie Fowler letztens beim Waste Management in Scottsdale. Er führte mit fünf Schlägen, dann war er plötzlich einen zurück, aber Du konntest erkennen, wie entschlossen er war, weiter an den Sieg zu glauben. Das ist wirklich beeindruckend für mich, diese Art von mentaler Härte. Sein Gesicht hat nie den Ausdruck verändert, was unglaublich ist!“

Der junge Joaquin Niemann gibt zu, dass die ganze Zeit unterwegs zu sein, auch Nachteile bringt. Er vermisst vor allem die Küche seiner Mutter, hat aber gelernt, Fast-Food-Burritos in Kettenrestaurants wie Chipotle zu mögen. „Ich wäre natürlich gerne bei mir zu Hause, aber dies ist eine der besten Situationen, die ich mir vorstellen kann. Ich spiele sehr gerne Golf – das einzige, was ich nicht liebe, ist, jede Woche in ein Flugzeug zu steigen. Aber ich kann mich daran gewöhnen. Und wenn ich hier gut performe, werde ich es lernen, zu mögen!“ Für seine Zukunft sagt Niemann, dass er nicht wirklich gerne zu weit nach vorne blickt. „Ich nehme es einfach Loch für Loch“, sagte er mit einem Lächeln. „Ich weiß, dass ich bei vielen Turnieren gut spielen muss. Aber selbst die Majors sind nur eine weitere normale Woche, weitere vier Runden Golf. Sie werden wohl auf etwas schwierigeren Kursen stattfinden – aber Du musst sie alle immer auf die gleiche Art und Weise angehen: Gib einfach Dein Bestes!“

 

Joaquin Niemann

SPITZNAME: JOACO

GEBOREN: 7. NOVEMBER 1998 (ALTER 20), SANTIAGO, CHILE

GRÖSSE: 1,83 M

NATIONALITÄT: CHILE

FREUNDIN: CHRISTINA HELLEMA

PROFI SEIT: 2018

DERZEITIGE TOUR: PGA TOUR

AUSZEICHNUNGEN: MARK H. MCCORMACK MEDAL 2017

SPONSOREN: ADIDAS, PING, ROLEX, AVOCADOS FROM CHILE, KAUFMANN MERCEDES

MANAGEMENT: IMPACTPOINT AG