©Augusta National 2019

Tiger Woods! Masters! 15. Majorsieg!


Tiger Woods gewinnt das Masters Tournament 2019. Weil die Konkurrenz dem stählernen Willen und der unglaublichen Entschlossenheit des einst – und nun wieder!? – gefürchteten Überfliegers auf der Finalrunde nichts entgegen zu setzen hat, öffnet der 43-Jährige ein neues Sportkapitel: Das größte Comeback der Geschichte.

Von:

Diese Emotion. Diese Freude. Dieser Vulkan, äußerlich eingezwängt in ein enges rotes Funktionsshirt, innerlich jahrelang gefangen im Mix aus nicht können und nicht dürfen, weil der Körper nicht mit macht. Auch, weil der Kopf nicht mit macht. Und jetzt, endlich, die Erlösung. Der Tiger brüllt. Nicht wieder – sondern erstmals, so wie noch nie.

Tiger Woods hat in seiner Karriere mehr als hundert Profi-Turniere gewonnen. Es ist einfacher, die Rekorde zu zählen, die er nicht aufgestellt hat als die, die er hält. Doch einer, der fehlte. Er geriet in den vergangenen Jahren in Vergessenheit. Nun ist er plötzlich wieder da. Weil Eldrick Tont „Tiger“ Woods das für viele „größte Comeback der Sporthistorie“ hinlegte.

Jack Nicklaus sammelte in seiner Karriere 18 Major-Titel. Woods hatte in elf Jahren – von 1997 bis 2008 – 14 Majors gewonnen, er war auch hier eigentlich immer auf bestem Weg zum Rekord. Doch plötzlich war Schluss. Bis zu diesem 14. April 2019, wieder elf Jahre später. Tiger Woods gewinnt das Masters Tournament in Augusta, Georgia. Elf Jahre voller Erfolge folgten elf Jahre – und dieser Boulevard-Slang muss erlaubt sein an dieser Stelle – voller Skandale, Schmerzen und Schweiß. „Ich habe eine zweite Chance bekommen, zu leben. Ich bin ein wandelndes Wunder“, hatte Woods schon 2018 gewusst. Was ist die Steigerung von Wunder?

 

Vier Rückenoperationen, viele gescheiterte Comeback-Versuche

„A walking miracle“, sagte Woods, der Satz ist heute noch wahrer als vor einem Jahr. An manchen Tagen zwischen 2014 und 2018 hatte Woods tatsächlich auf das Wunder gehofft, überhaupt einmal wieder richtig gehen zu können. Es ist nicht lange her, da war er ein knappes halbes Jahr darauf angewiesen, dass ihn morgens jemand aus dem Bett hievte. Vier Rückenoperationen wechselten sich ab mit gescheiterten Comeback-Versuchen. Kein Tag ohne Schmerzen. Kein Leben ohne Schmerzmittel.

Im Mai 2017 wurde er nachts schlafend hinter dem Steuer seines Wagens, einen wilden Medikamenten-Cocktail im Blut, in Polizeigewahrsam genommen. Er ging in den Entzug, der dritte seines Lebens. Das Polizeifoto mit dem Gesicht des bemitleidenswert Gestrandeten ging um die Welt. Ein Golfplatz war für Woods in diesen Tagen so unerreichbar, wie er selbst über Jahre für die Konkurrenz.

Nun steht er da, das Grüne Jackett auf den Schultern, einen Pokal in der Hand, freut sich, wie ein kleines Kind. Mit seinen Kindern, die erstmals live bei einem Major-Erfolg dabei sind. „Man hätte es nicht besser malen können“, sagte Woods im Herbst 2018, als er die Tour Championship gewonnen hatte, sein erster Titel nach fünf Jahren. Was ist dann bitte dieser Sieg? Hätte man es besser träumen können?

 

Ausgerechnet Augusta

Ja, ausgerechnet Augusta. Es war 1997 hier in Augusta, als Woods mit 21 Jahren mehr als nur die Golfwelt auf den Kopf stellte. Dort, wo der weiße und elitäre Sport noch ein wenig weißer und elitärer ist, revolutionierte er den Sport mit seinem historisch deutlichen Sieg. Wo sie bis in die 1990er Jahre keine schwarzen Mitglieder aufnehmen wollten, trug dieser Sohn eines Afro-Amerikaners und einer Thailänderin plötzlich das berühmte grüne Club-Jackett spazieren, das neben Mitgliedern nur Sieger übergestreift bekommen. Golf war nie mehr, wie davor – auch wenn Woods zwanzig Jahre später in seinem Buch „The 1997 Masters: My Story“ schrieb: „Es wäre naiv gewesen von mir, zu glauben, dass der Sieg gleichbedeutend gewesen wäre mit dem Ende dieses Blicks, wenn eine Person einer Minderheit einen Golfclub betritt.“

Dieser Blick, er begleitete sein Leben. Als Nike 1996 einen für diese Zeit astronomisch dotierten Vertrag mit dem Talent bewarb, ließ ihn der Sportartikelhersteller sagen: „Hallo Welt. In den USA gibt es immer noch Golfkurse, auf denen ich aufgrund meiner Hautfarbe nicht spielen darf.“ Er sprach auch davon, „nicht gewollt“ zu sein. Der zweite Blick, der Woods begleitete, war ein gänzlich anderer, bewundernd, staunend. Der erste Blick trieb ihn an. Vom zweiten lebte er.

Zwischen seinem Masters-Sieg 1997 und dem Erfolg trotz Kreuzbandriss und Schienbeinbruch bei den US Open 2008 lag Woods bei den Majors in Summe bei 136 Schlägen unter Par. Vergleicht man diese Zahl mit allen anderen Golfern, die in dieser Zeit mindestens 40 Major-Runden spielten, landet der nächste Mitbewerber bei 63 über Par – 189 Schläge hinter Woods. Das ist atemberaubend. Und atemraubend in einer Zeit, in der Woods nicht vorne mitspielt.

Nun atmet der ganze Golfsport durch. Tiger Woods ist wieder da. Der Boom ist garantiert. Augusta war ein Vorgeschmack. Jack Nicklaus, sieh Dich vor. Golfwelt, freue Dich drauf.