In guten wie in schlechten Zeiten


Kein Turnier scheint so aus der Zeit gefallen wie das Masters Tournament, das erste Major des Jahres. Die Werte veraltet, der Mythos unsterblich – was macht das Masters zum zeitlosen Klassiker?

Von:

7. April 2010, Augusta, Georgia, Presseraum des ersten Majors des Jahres. Es ist das Jahr, in dem Tiger Woods aus einer selbstauferlegten Pause zurück auf die Tour kehrt. Der Ansturm ist gewaltig. Wenige Monate vorher waren die Sexaffären des Übergolfers an die Öffentlichkeit gelangt, mehr als drei Wochen waren Woods und seine Eskapaden auf dem Cover der „New York Post“, länger als im Jahr 2001 der Anschlag auf das World Trade Center. Woods bewegte nicht nur die Golfwelt. Aber eben auch die betagten Herren im Privatclub von Augusta, gegründet 1933 als Zufluchtsort der vermögenden Oberschicht und damit exklusiv im ursprünglichsten Sinn. 300 Mitglieder haben sie hier, nie mehr, 10.000 US-Dollar Aufnahmegebühr sind die niedrigste Hürde. Frauen sind erst seit 2012 dabei. Dunkelhäutige Mitglieder gibt es seit 1990. Der Vorsitzende im Jahr 2010: ­Billy Payne. Der damals 62-Jährige stand einem Club vor, der bis in die 1970er-Jahre offen rassistisch agierte und der 1997, als Tiger Woods mit 21 Jahren in Augusta sein erstes Major überhaupt gewann, als erster dunkelhäutiger Golfer, ein wenig mit sich ringen musste, um sich wirklich glaubwürdig zu freuen.

Dieser Billy Payne saß nun vor den Journalisten und wurde befragt zu den Irrungen des wichtigsten Golfers der Geschichte dieser Sportart, und er antwortete: „Ruhm und Reichtum bringen Verantwortung mit sich, nicht Unsichtbarkeit. Dieses Jahr wird nicht nur für ihn besonders sein, sondern für uns alle, die wir an zweite Chancen glauben. Wir hoffen und beten, dass er sein neues Leben auf positive, hoffnungsvolle und konstruktive Weise beginnen kann.“

Selten warf im Golf jemand mit so großen Steinen, während er in einem kleinen Glashaus saß. Klar, ausschweifende Sexaffären hatten sie in Augusta nie zu leugnen. Doch ist die Geschichte dieses außergewöhnlichen Clubs eine vieler Kontroversen und Dunkelkammern, die dazu führen, dass das Masters Tournament bis heute wie ein Turnier erscheint, das aus der Zeit gefallen ist – im Guten wie im Schlechten.

Spieler weiß, Caddies schwarz

Billy Payne hatte sein Geld mit Investitionen in Immobilien verdient. Das passte zu Augusta, gegründet von einem erfolgreichen Golfer, Bobby Jones, und einem Investmentbanker aus New York, Clifford Roberts. Augusta ist selbst für Golfverhältnisse elitär und vom und für den Geldadel der Ostküste ersonnen. Von Gründer Roberts ist der Satz überliefert: „Solange ich lebe, sind Spieler weiß und Caddies schwarz.“ Lange nach dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung Mitte der Sechzigerjahre blieb das Masters für schwarze Golfer tabu, erst 1975 wurde Roberts davon überzeugt, den Afroamerikaner Lee Elder starten zu lassen. Zwei Jahre später wurde der krebskranke Roberts eines Morgens auf der Anlage gefunden, nahe dem Ike’s Pond, einem kleinen Teich, benannt nach dem großen Augusta-Förderer Dwight „Ike“ Eisenhower, dem 34. US-Präsidenten. Roberts war tot, er hatte sich erschossen. Bis 1983 durften Spieler beim Masters nicht mit ihrem eigenen Caddie antreten. Einer der traditionell in Weiß gekleideten Club-Caddies war Pflicht. Trinkgeld war tabu, ebenso ein Taschenträger, der nicht schwarz war. Noch heute tragen die Caddies den weiten weißen Einteiler. Fürwahr, aus der Zeit gefallen.

Die „New York Times“ nannte das ­Masters einmal ein „unglaublich schön anzuschauendes Gefangenenlager für Republikaner“. Zwischen blühenden Azaleen erfreut sich die konservative obere Mittelschicht, die auf dem Schwarzmarkt mehrere Ttausend US-Dollar für einen Tag Golf zahlt, am unverwechselbaren Flair dieses Majors, das 74 Jahre nach der Open Championship als Projekt „Tradition und Bedeutung“ auf dem Reißbrett entstand – und sich vielleicht gerade aufgrund seiner gelebten Exotik zum sicherlich speziellsten Golfturnier der Welt entwickelte.

Bernhard Langer, der hier zweimal ­gewann, nennt das Masters hingegen das „schönste und sensationellste“ Golfturnier der Welt.

Murmeltier und Pflanzennamen

Die Gründe dafür sind durchaus leicht zu finden. Und sie liegen ebenso im aus der Zeit gefallenen Charakter dieses Events. Im einzigen Major, das jedes Jahr auf dem gleichen Kurs gespielt wird, trifft Murmeltieratmosphäre auf Kurskult. Jedes Loch, ein jedes mit einem schönen Pflanzennamen, ist durch die jährliche Wiederholung und Anhäufung der dort sich abgespielt habenden Dramen berühmt und berüchtigt. In Gedanken hat jeder Fan schon im legendären Amen Corner ein paar Bälle geschlagen. Und weil es so schwierig ist, auf den Platz zu kommen, wird es für nahezu jeden dabei bleiben.

Die Regeln, die nur in Augusta gelten, erschaffen in der ersten Aprilwoche eine Parallelwelt, die an Science-Fiction-Romane erinnert. Die Zuschauer heißen Patrons und dürfen fast nichts, außer zuschauen, langsam gehen und die hier wirklich günstige Verpflegung genießen. Handy? Rauswurf. Schreien? Rauswurf. Wer rennt, wird der Anlage verwiesen, wer telefoniert, ebenso. Und wer die Patrons im Fernsehen nicht Patrons nennt, wird auf Jahre suspendiert, wie der TV-Moderator Jack Whitaker 1966. Inside the Ropes gehen hier nur die Spieler, Caddies und ein paar Offizielle. Die Hymne des Masters, komponiert vom Bruder von Sänger Kenny Loggins auf einer Masters-Runde, erinnert an billigen Fahrstuhl und ist doch ein Hit.

Wegweisende Technik

Und in dieser anderen Welt, die oft so rückständig wirkt in ihren Traditionen und gelebten Werten, schaut auch immer mal wieder tatsächlich die Zukunft vorbei. Abgesehen davon, dass beim Masters die Werbeblöcke begrenzt sind, was den TV-Genuss deutlich erhöht, glänzt Augusta als technischer Vorreiter. Das Masters war eines der ersten TV-Events in Farbe, eines der ersten in High Definition und 2010, ja, auch eines der ersten in 3D. Die Homepage des Masters ist eine Ausgeburt an technischer Finesse und inhaltlicher Fleißarbeit. Und das alles gepaart mit dem klassischen Look, der zeitlos und unverwechselbar daherkommt. Im Zentrum, und selbst das schafft das Masters, ein Scoreboard mit komplett eigenem Erscheinungsbild.

Wer immer anders ist, kann nie veraltet wirken. Und so ist das Masters gleichzeitig so zeitlos und aus der Zeit gefallen wie kein anderes Golfturnier.