Wenn Golfer mit und ohne Behinderung für Inklusion spielen


Mein Handicap ist nur die Spielvorgabe: Wohltätigkeitsturnier der Schneesport Stiftung auf Gut Rieden zeigt lebendige Behindertengolf-Szene.

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Als Martin Kaymer vor einiger Zeit beim World Cup of Golf in Melbourne Augenzeuge des zeitgleich ausgetragenen „Disabled Golf Cup“ war, da staunte der zweifache Majorsieger nicht schlecht. „Zwölf der weltweit besten Golfspieler mit Behinderung spielen auf die gleichen Fahnen auf dem gleichen Golfplatz wie wir. Das ist die perfekte Botschaft unseres Sports: Golf ist für Jedermann, ohne Grenzen oder Limitierungen“, schrieb Kaymer auf Facebook, der im Metropolitan Golf Club mit Max Kieffer den drittletzten Platz unter 28 teilnehmenden Nationen belegte, während das belgische Duo Thomas Peters/Thomas Detry den Team-Wettbewerb gewann.

Golf als perfekter Inklusionssport

Für diese Erkenntnis freilich hätte der Deutsche nicht nach Down Under zu reisen brauchen. In hiesigen Gefilden gibt es ebenfalls zahlreiche Aktive mit Behinderungen der unterschiedlichsten Art, die allen Beeinträchtigungen zum Trotz beweisen, dass Golf ein Spiel über jedwede Barrieren hinaus ist. Frei nach der Devise: Mein Handicap ist nur die Spielvorgabe!

Es ist eine lebendige Behinderten-Golfszene, man kennt sich, tauscht sich aus, nicht zuletzt über die sozialen Netzwerke, trainiert und spielt miteinander. Der Behinderten Golf Club (BGC) Deutschland als nationale Vertretung beispielsweise hat festgestellt: „Informationen und der Nachweis des Machbaren bringt immer mehr Clubs dazu, Golfer, die auf spezielle Hilfsmittel (Paragolfer, Krücken etc.) angewiesen sind, auf ihren Plätzen zuzulassen“, heißt es auf der BGC-Webseite. Der Sport hat nun mal enormes Potenzial für eine unbeschwerte Inklusion. So, wie es die Definition des Begriffs vermittelt: dazu gehören, ohne Ansehen von Alter, Sprache, Religion oder Behinderung. Wie kein anderes Spiel steht Golf dafür, dass Menschen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen gemeinsam spielen können. „Clubs und Pros stellen sich auf behinderte Golfer ein“, heißt es beim BGC.

Tatkräftige Unterstützung vom Club

Die wiederum setzen sich überdies für andere Inklusionsgruppen ein, ungeachtet eigener Schwierigkeiten – oder gerade deswegen. So zu erleben war das beispielsweise im vergangenen Herbst auf der Golfanlage Gut Rieden im bayerischen Starnberg, wo der 1. Gut Riedener Inklusions-Golfcup für Golfer mit und ohne Behinderung ausgetragen wurde, initiiert von und zugunsten der Schneesport Stiftung, sehr aktiv unterstützt vom Club und von Managerin Melanie Rake sowie unter anderem auch von Perfect Eagle. Der Erlös trug dazu bei, „Menschen mit Behinderung die Möglichkeit zu geben, die Faszination des Schneesports kennenzulernen“, erklärt Thomas Schiffelmann, Stifter der Schneesport Stiftung, die insbesondere sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, Migranten, Flüchtlinge sowie Kinder und Jugendliche mit Behinderung unterstützt.

So kamen auf dem öffentlichen 9-Loch-Kurs der Golfanlage Gut Rieden insgesamt 34 Golfer zum offenen Wettspiel nach Stableford und zum Schnupperkurs zusammen, darunter sechs Teilnehmer mit Behinderungen, wie Gerd Baier (GC Sagmühle), der seit einem Schlaganfall einseitig gelähmt ist und einhändig, zudem als eigentlicher Linkshänder seither mit rechts spielt. Den bewegungsunfähigen Arm schnallt Baier an den Körper, damit der beim Schlag nicht im Weg ist, und feuert mit dem anderen Drives von locker 150 Metern raus.

„Man kann jammern, muss aber nicht“

Oder Kerstin Schulz (Open9 Golf Eichenried), die durch eine Infektion nach einer Kreuzband-OP das linke Bein bis zur Hüfte verlor und einen siebenjährigen Leidensweg hinter sich hat. „Man kann jammern, muss aber nicht“, ist Schulz‘ Devise. Stattdessen fing sie im Sommer 2018 ernsthaft mit Golf an, gehört zur derzeit 68-köpfigen Inklusions-Trainingsgruppe der „Handicap Stars“, die im Golfpark München-Aschheim von Elizabeth Höh gecoacht werden: „Ich wollte wieder ins Gehen kommen und den Leuten wieder in die Augen schauen, statt nur im Rolli zu sitzen. Dank Golf kann ich wieder ohne externe Hilfsmittel gehen.“

Natürlich, dazu gehört Training und eine Menge Findigkeit. Schulz, die zudem am rechten Knie eine Orthese trägt, um ein Durchschlagen des lädierten Kniegelenks zu verhindern, musste auf Linkshänderin „umschulen“, um sich auf dem rechten Bein ins Ziel drehen zu können, weil die Prothese keinerlei Rotation zulässt, und ließ sich beispielsweise für die Abschläge den Kopf eines Herrenholzes auf einen superweichen Damenschaft setzen, „um durch den extremen Flex auszugleichen, dass ich weitgehend aus der Schulter und den Armen schlage“. Andererseits hat sie für schräge Balllagen einen Rechtshandschläger zum Chippen im Bag, „weil ich nicht mit der Prothese bergauf stehen kann“.

1.500 Euro Erlös, Nachahmung empfohlen

Dennoch: „Beim Golf kann ich die Behinderung mit meiner Prothese ausgleichen, und es bedarf keiner besonderen Regeln oder Quotienten für Leute wie mich, um am allgemeinen Spielbetrieb teilzunehmen.“ Gerade weil die Vorgabe auf der Spielstärke des Einzelnen beruht, und diese wiederum auf den körperlichen Möglichkeiten, stellt das Handicap per se einen Ausgleich zwischen nichtbehinderten und behinderten Spielern her. Anders gesagt: Wenn ein Handikap kein Handikap ist, weil es das Golf-Handicap gibt.

Am Ende dieses 1. Gut Riedener Inklusions-Golfcups  jedenfalls kamen aus Startgeldern sowie den Erlösen der reichlich und attraktiv bestückten Tombola über 1.500 Euro „für Behindertenprojekte der Schneesport Stiftung zusammen“, so Thomas Schiffelmann, der sich als Leiter Marketing der humanitären Hilfsorganisation Handicap International, die sich in über 60 Ländern um Menschen mit Behinderung kümmert, und auch aus eigenem Erleben beruflich wie privat vollständig der Inklusion verschrieben hat. „Es braucht uns, die mitmachen, um Unterstützung zu leisten. Der Sport ist in der Inklusion ein wichtiges Element, um aus der Leidenszeit zu kommen, Selbstbewusstsein und Autonomie zu erlangen, das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.“

Entsprechend positiv fiel sein Fazit des Premierenturniers aus: „Über 30 Golfer ohne und mit Behinderung sowie rund zehn Schnuppergolfer haben eindrucksvoll gezeigt, dass Inklusion im Golfsport funktionieren kann. Ein rundum tolles Ergebnis also, was Lust auf mehr macht!“ In der Tat: Fortsetzung des Gut Riedener Inklusions-Golfcups folgt; Nachahmung ist empfohlen!

Fotos: Golfanlage Gut Rieden/Schneesport Stiftung