Ein Golfer ist ein Golfer – ist ein Politiker?


Das Saudi International sorgte in dieser Woche für Aufregung. Nicht, weil die besten der Welt aufeinander trafen. Oder gerade deswegen.

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„Ich bin kein Politiker, ich bin Profigolfer.“ So sprach Justin Rose. Der Engländer ist ein differenzierter Mensch, höflich, zuvorkommend, ein Weltbürger, der bereits Südafrika, England und nun die USA seine Heimat nannte. Doch auch er greift zurück auf die immer gern genommene Phrase genervter Elite-Athleten, wenn es um Fragen der persönlichen Verantwortung im gesellschaftlichen Kontext geht. Die European Tour war in dieser Woche zu Gast in Saudi-Arabien. Spätestens seit dem Mord am Journalisten Jamal Khashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul, an dem das saudische Königshaus nicht unbeteiligt gewesen sein soll, ist die Kritik wieder deutlich vernehmbar. Ausgerechnet in dieser politisch aufgeheizten Lage schickte Tour-Boss Keith Pelley die Spieler – und einige teuer eingekaufte US-Topgolfer – in die Wüste. Dustin Johnson nannte es immerhin eine „schwierige Entscheidung“, Patrick Reed jubelte jedoch im Vorfeld: „Ich kann es kaum erwarten.“ Und Bryson DeChambeau ließ wissen: „Tolle Arbeit von der Tour. Tolle Arbeit von Saudi-Arabien.“

Die Kritik in der Heimat der Golfer war heftig, an den Sportlern und am Event und seinem Ausrichter, der European Tour. Keith Pelley („Wir haben ein exzellentes Verhältnis mit dem Mittleren Osten“) ist bekannt dafür, sein Produkt als Unterhaltungsunternehmen zu sehen. Das ist nicht billig und soll darüber hinaus auch Geld einbringen. Es ist ein Phänomen des Gesamtsports, dass dieses Geld vermehrt in Regionen der Welt lockerer sitzt, wo andererseits so manche Fesseln für die Bürger etwas enger gezogen werden. Das bringt vor allem die Sportler in Bedrängnis, zumindest vonseiten der Öffentlichkeit. Ist es jedoch zu viel verlangt von Athleten, mehr zu sein als Botschafter ihres Sports? Paul Casey, der ebenfalls angefragt war, verzichtete auf seine Antrittsprämie und verwies auf seine Arbeit für UNICEF. Er kam nicht. Andere strömten: Die Nummer eins, Brooks Koepka, Sergio Garcia, der dafür unkameradschaftlich die Grüns umpflügte, Henrik Stenson, Ian Poulter.

Manche, wie Rose und Reed, flogen für die Saudi International, das die saudische Regierung zur Selbstvermarktung installiert hat, durch elf Zeitzonen. Am Ende lohnte sich dieser Trip vor allem für Dustin Johnson, der das Premierenturnier gewann und damit vor allem eines sehr gut machte: seine Arbeit. „Es ist mein Job, Golf zu spielen“, hatte er im Vorfeld der AP erzählt. „Leider ist es in einem Teil der Welt, wo viele Leute nicht einverstanden ist, was passiert ist. Und ich unterstütze solche Dinge nicht. Ich werde Golf spielen. Und sie nicht unterstützen.“ Und auch er: „Ich bin kein Politiker, ich spiele Golf.“

Wie zeitgemäß dieser Ansatz ist, bleibt offen. Diese Frage haben sich schon viele anderen Sportarten und auch das IOC in Bezug auf die Olympischen Spiele in Peking und auch Sotschi stellen dürfen. Eine Antwort gab es nicht. Klar ist nur, dass diese Art von Sportveranstaltungen vor allem den Zweck der Selbstvermarktung auf Seiten der Ausrichter vor Ort erfüllen. Seit Anbeginn des modernen Sportzeitalters haben Regierungen und Herrscher die Popularität einer Disziplin und seiner Klassenbesten genutzt, um vom Glanz etwas abzubekommen. Die Lichtgestalten haben durchaus die Möglichkeit,  sich zu positionieren. Dass sie in der Folge – und das ist wohl der traurigste Aspekt der Problematik – oft mit Konsequenzen rechnen müssen, die bis zum Karriereende reichen, ist der wahre Skandal. Das Schicksal des NFL-Quarterbacks Colin Kapernick, der sich gegen Rassismus und Polizeigewalt stellte und nun arbeitslos ist, ist vielen eine Warnung. So ducken sie sich weg unter dem Banner: „Ich bin kein Politiker.“

 

Und dann gibt es immer noch die, die es sich gar nicht leisten können, bei einem derart prominent besetzten Turnier nicht anzutreten. Stichwort Tourkarte. Für Dustin Johnson, der seinen ersten Sieg auf der European Tour feierte, stellt sich dieses Problem nicht. Für Justin Rose und die anderen Stars auch nicht. Auf der US PGA Tour hätten sie bei der Waste Management Phoenix Open vor tausenden feiernden Zuschauern am berühmten 16. Loch abschlagen können. Ein unfairer Vorwurf, findet Eddie Pepperell. In seinem Blog schreibt der Engländer: „Warum spielen wir in China? Katar? Oder der Türkei? […] Es ist wahr, dass die Menschenrechtsbilanz Saudi Arabiens fragwürdig ist. […] Aber sollten wir deswegen das Event boykottieren?“ Fragen, die in der Szene unterschiedlichst beantwortet wurden. Und so bleibt am Ende die Frage, die immer bleibt: Gibt es eine richtige Antwort? Oder nur eine Antwort, die sich jeder nur selbst mit gutem Gewissen geben kann?