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Vijay Singh: „Ich bin der, der ich bin“


Vijay Singh gewann Turniere auf fast allen Kontinenten der Erde, seine Geschichte ist mehr als die einer Reise an die Spitze der Golfwelt. Ein Gespräch über Wege in die Fremde – das große Privileg, das den Menschen bildet, wie Singh es ausdrückt.

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Vijay Singh hat eine lange Reise hinter sich. Als er am 22. Februar 1963 in Lautoka auf den Fidschi-­Inseln, mehr als 1.500 Kilometer nördlich von Neuseeland und gut 3.000 Kilometer östlich von Australien, auf die Welt kommt, ist er weiter entfernt von den berühmtesten Grüns der Golfwelt, als es eine spätere Nummer eins je sein wird. Mit der Abgeschiedenheit im asiatischen Südpazifik hat das aber nur bedingt zu tun. Vijay Singh ist eines von vier Kindern von Mohan und Parwati Singh. Die sechsköpfige Familie, die vom Gehalt des Flugzeugmechanikers lebt, schläft in einem Schlafzimmer, Vijay teilt sein Bett mit einem Bruder. Zu Weihnachten gibt es als Ausnahme Cola statt Wasser.

Vor dem Hintergrund der Verhältnisse auf den Fidschi-Inseln gehörten die Singhs zum Mittelstand. Auch wenn Singh selbst später von lediglich ein paar Hundert Golfern auf der Insel spricht – sein Vater war einer der wenigen Anhänger. Er nahm seinen Sohn auf den Platz neben dem Flughafen mit und brachte ihm früh seinen Sport näher. So begann Vijays Reise.

Gerne wäre das heranwachsende Talent schon mit 16 Jahren in die große weite Welt gezogen, um sein Geld auf den Fairways der Welt zu verdienen. Doch seine Eltern verwiesen auf einen Schulabschluss und sagten: Stopp. So dauerte es bis ins Jahr 1982, bis Vijay Singhs Siegeszug in Australien seinen Anfang nahm. Über die Asian Tour ging es für Singh 1988 auf die European Tour, fünf Jahre später in die USA, Singh wurde Mitglied der PGA Tour.

Dort entwickelte er sich endgültig zum wohl bekanntesten Menschen der Fidschi-Inseln. 1998 triumphierte er bei der PGA Championship, sein erster von drei Major-Siegen, es folgte der Masters-Titel 2000 und 2004 erneut die PGA Championship. In selbigem Jahr verdiente er als erster Golfer überhaupt fast elf Millionen US-Dollar an Preisgeld – und war plötzlich die Nummer eins der Welt. Vor Tiger Woods. Der Reisende war sportlich auf dem Gipfel angekommen, nach Siegen in Malaysia, Nigeria, Schweden, Elfenbeinküste, Simbabwe, Marokko, Spanien, Singapur, Südafrika, Deutschland, Kanada, Frankreich und den USA.

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Perfect Eagle: Sie haben nun für mehr als 35 Jahre die Welt als Golfer bereist. Wo ist zu Hause für Sie?
Vijay Singh: Für mich ist Ponte Vedra Beach in Florida mein Zuhause. Hier habe ich mit meiner Familie inzwischen den Großteil meines Lebens verbracht.

Warum Ponte Vedra Beach?
Das Klima ist großartig. Und es macht Spaß, hier zu leben, es ist sehr angenehm. Und ich mag es, dass es so viel Golf drum herum gibt.

Wie fühlt sich Ihr Zuhause an?
Es ist schön, sich fallen lassen zu können. Ich verbringe gerne Zeit mit Freunden, bin Gastgeber und genieße ein Glas guten Weins. Und hier kann ich trainieren – auf dem TPC Sawgrass.

Investieren Sie heute noch so viel Zeit in Training wie vor zehn, zwanzig Jahren?
Ja, mache ich. Weil ich dieses Spiel so liebe. Es ist aber inzwischen einfacher für mich, mehr auf der Champions Tour zu spielen, weil die Plätze nicht so lang sind. Und dort kann ich mit den alten Kumpels rumhängen. Gegen die jungen Athleten auf der US PGA Tour zu spielen ist herausfordernd für mich.

Vijay Singh gehört bis heute zu den Golfern mit herausragendem Arbeitsethos. Seine Hingabe bis hin zur Selbstaufgabe ist sein wohl größtes Vermächtnis. Und Singh hat bis heute wenig von seinem Ehrgeiz eingebüßt. Beim Masters und der PGA Championship schaffte er es 2018 in die Finalrunden. Auf der Champions Tour der US PGA Tour gewann er im Sommer sein erstes Senioren-Major. „Wenn ich gesund bleibe, will ich noch so viele Turniere wie möglich auf der Champions Tour gewinnen“, sagt er im Interview.

Spielt man besseres Golf, wenn man sich auf einem Golfplatz „zu Hause“ fühlt?
Nein, nicht wirklich. Ich spiele dann am besten, wenn ich das sogenannte Momentum habe. Das kann ja überall sein. Auf jedem Kurs, bei jedem Turnier. Wenn einfach alles klappt und der Putter heiß läuft. Das brauchst du als Golfer.

Was ist für Sie der beste Ort auf der Welt?
Ich liebe die Fidschi-Inseln. Das ist mein Land, meine Wurzeln. Und ein Großteil meiner Familie lebt noch dort.

Wie unterscheidet sich Golf auf den Fidschi-Inseln von dem Golf in anderen Teilen der Erde?
Na ja, wir haben ja nicht so viele Golfkurse. Ich denke, dass die mitunter sehr starken Winde sehr herausfordernd sind, das sieht man ja beim Fiji International, dem Turnier auf dem Natadola Bay Championship Course, einem Kurs, den ich redesignt habe.

In den 1990ern hatten die Fidschi-Inseln fast nur Neun-Loch-Kurse, nur wenige Anlagen über 18 Bahnen. Woran erinnern Sie sich aus dieser Zeit?
Wenn ich Ihnen Bilder zeigen würde von der kleinen Driving Range in Nada, wo ich aufgewachsen bin, das würden Sie mir nicht glauben.

Was für ein Golfer wären Sie wohl geworden, wenn Sie in den USA aufgewachsen wären?
Wäre ich auf dieser Driving Range in Nada nicht groß geworden, hätte ich wohl die vielen Jahre auf Reise und auf der European Tour nicht erleben können. Aber sonst? Klar, man weiß es nicht.

Was haben Sie auf den Reisen gelernt – über sich, die Welt, Ihren Sport?
Golf bringt Menschen zusammen, unterschiedlichste Menschen mit jeglichen Hintergründen, Kulturen, Sprachen, aus allen Ecken der Welt. Das ist einmalig an unserem Sport, und ich liebe diese Eigenschaft. Wer reist, bildet sich, das Reisen schult dich in so vielen Aspekten. Deswegen liebe ich die European Tour als globale Tour. Es öffnet dir die Augen und den Kopf, wenn du verschiedene Länder besuchst. Das Bereisen der Welt zeigt einem, dass Respekt einen großen Teil des Lebens ausmacht. Und für jemanden, der das Privileg hat, den Globus zu bereisen, ist das ein großer Lernprozess. Es ist so ein Privileg, das Reisen.

Was genau macht es zu einem Privileg?
Menschen und verschiedene Kulturen kennenzulernen. Genau das ist es doch.

Wenn Sie zurück auf Ihre Karriere schauen, was macht Sie stolz?
Es macht mich stolz, zu sehen, dass ein Junge von den Fidschi-Inseln die Chance hat, die Welt zu bereisen, die schönsten Plätze der Erde zu besuchen und Turniere zu gewinnen. Ich denke, das ist sehr besonders.

Würden Sie etwas anders machen?
Nichts.

Die Antwort überrascht nicht. Es gibt Menschen in der Golfwelt, die bezeichneten Singh als den „Bad Guy des Golfsports“. Er war nie ein Liebling der US-Medien, die Gründe sind Spekulation. Manche schoben die kühle Beziehung tatsächlich auf seine Hautfarbe, andere auf sein distanziertes Auftreten gegenüber Außenstehenden. Vijay Singh hatte nie ein Interesse an Publikumspreisen, er eckte mit Meinungen oft an, wurde aber auch nicht selten missverstanden, ob gewollt oder ungewollt. Nicht hilfreich waren unter anderem Betrugsvorwürfe aus seiner Zeit auf der Asian Tour, die Singh jedoch immer bestritt. 2013 wurde er von der PGA Tour aufgrund des Gebrauchs eines aus Tour-Sicht verbotenen Sprays für 90 Tage gesperrt. Singh fühlte sich falsch behandelt, tatsächlich hatten auch andere Golfer das Spray benutzt, ohne sanktioniert zu werden. Singh ging vor Gericht. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.

Sie haben Angst, auch unpopuläre Meinungen zu vertreten und die daraus resultierenden Diskussionen durchzustehen. Warum?
Ich bin der, der ich bin. Ich kann meine DNA nicht ändern. Ich werden immer ­sagen, was ich denke.