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Cash Cow Ryder Cup


Spieler kommen und gehen. Was bleibt, ist eine Marke, die mehr Anziehungskraft hat als Jack Nicklaus, Arnold Palmer und Tiger Woods zusammen: der Ryder Cup. Das gilt für Fans ebenso wie für Sponsoren – und die European Tour, die mit dem Kontinentalwettstreit ihre Bilanzen rettet.

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Am Ende wollte Keith Pelley noch ein wenig Zeit. Es war Anfang Dezember, das Jahr 2015 erlebte seine letzten Tage und der Boss der European Tour äußerte den Wunsch, die Entscheidung darüber, wer den Ryder Cup 2022 austragen dürfe, etwas später treffen zu wollen. Eine Entscheidung, die Marco Kaussler, der damals die deutsche Bewerbung anführte, sehr gut verstehen konnte. „Es geht immerhin um eine der wichtigsten für die Tour. Er braucht genug Zeit und die muss er sich auch nehmen.“ Kaussler, der unter anderem als Turnierdirektor der BMW International Open fungiert, untertrieb ein wenig. Denn natürlich ist die Entscheidung, wo der Ryder Cup gespielt wird, wenn er in Europa ausgetragen wird, eine beinahe existenzielle Frage. Vielleicht sogar die existenziellste.

Und die Existenz hat in erster Linie damit zu tun, was auf den Bankkonten der Tour zu finden ist. Denn der Kanadier Pelley sagt: „Ich glaube daran, dass wir eine Unterhaltungsfirma sind.“

Heißt: Die Golfer müssen unterhalten. Und sie müssen Geld reinbringen. Diese Denke ist nicht neu im Sport, mit dem Marketingexperten Pelley, der sich vorher unter anderem mit TV-Rechten im US-Sportmarkt beschäftigte, hat sie auch auf der European Tour endgültig Einzug gehalten. Überraschend kommt das nicht. Viel eher genau so gewollt. Als die Tour 2015 ihren neuen CEO vorstellte, verwies sie auf seine „unglaubliche Erfahrung“ in den Bereichen „Rechteverkauf, Verhandlungen, Sponsorenfindung, Marketing, Markenbildung und Eventmanagement“.

Viel Krieg – viel Marke
Pelley beherrschte das Sportbusiness perfekt. Und so sah er sehr schnell: Das wichtigste, weil kostbarste Pferd im Stall, das ist der Ryder Cup, der Kontinentalwettstreit zwischen den besten Golfern aus den USA und Europa. Seit das europäische Team 1987 in den USA gewann und damit eine fast seit den Anfängen 1927 beinahe nahtlos durchgehende Dominanz des US-Teams endgültig beendete, wurde aus dem Wettbewerb das emotionale Zentrum einer Sportart, die das Einzelkämpfer-Langeweile-
Stigma durch Mannschaftsgeist, Nationengedanken und Leidenschaft vom Hof jagte. Auch Nicht-Golfer begeistern sich am Kampf der Kontinente, angesteckt vom Matchplay-Fieber und der manchmal allzu heißen Atmosphäre entlang der Fairways. Als David Duval 1993 sein US-Team für den letzten Tag anpeitschen wollte, schrie er: „Lasst sie uns töten!“ Landsmann Bubba Watson flötete 2014: „Beim Ryder Cup gegen Europa zu spielen ist für mich so wichtig wie der Kriegseinsatz meines Vaters in Vietnam.“ Als das europäische Team in diesem Jahr dann doch gewann, titelte die englische Zeitung „The Star“: „Wir haben den Golfkrieg gewonnen.“ Tatsächlich gab es 1991 den „War by the Shore“, die 1999er Ausgabe heißt heute: „Battle of Brookline“. Viel Kampf, viel Dampf – und die Marke wird geschärft.

 

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Journalisten schreiben so immer wieder gerne vom drittgrößten Sportereignis der Welt nach der Fußball-Weltmeisterschaft und den Olympischen Sommerspielen. Das gilt es zur Diskussion zu stellen, ebenso wie die weitverbreitete Tatsache, dass mehrere hundert Millionen alle zwei Jahre am Fernseher dabei sind. Doch wie auch immer es in Wahrheit aussieht. Dass solche Dinge über viele Jahre nun immer wieder behauptet werden, spricht dafür, dass der Impact tatsächlich gewaltig sein muss. 250.000 Zuschauer an den drei Tagen des Ryder Cup sind zudem die dokumentierte Regel.

Der frühere Ryder-Cup-Direktor Richard Hills verriet im US-Fernsehsender ESPN einmal: „Es ist wohl richtig zu bemerken, dass der Ryder Cup eines unserer finanziellen Zugpferde ist.“ Das Event ist zudem zentral für die Verhandlungen über die Fernsehrechte.

Der Ryder Cup ist also eine Cash Cow, die – dieser Ausdruck muss gestattet sein – so richtig gemolken wird. In den ureigenen Tour-Events ist für Pelley nicht allzu viel zu holen, das meiste Geld fließt in Richtung Spieler, Stichwort: Unterhaltung. Und im Vergleich mit der übermächtigen US PGA Tour hat die zweitgrößte Tour der Welt ihre Schwierigkeiten. Preisgeld, Weltranglistenpunkte – hier punktet nahezu wöchentlich die US-Schwester. Besserung brachte die von Pelley eingeführte Rolex Series, deren Turniere jeweils sieben Millionen US-Dollar Preisgeld garantieren. Doch das bringt, wie beschrieben, vor allem Weltstars und Renommee. Das ist wichtig, spiegelt sich jedoch nur indirekt auf dem Kontoauszug wider.

Ryder Cup kaufen?

Der Ryder Cup jedoch, veranstaltet von der Ryder Cup Europe LLC, gehört zu sechzig Prozent der European Tour, zu jeweils zwanzig der PGA of Great Britain und der PGA of Europe, den Vereinigungen der Profigolfer. Diese 60 Prozent sind ein Segen. Denn die Einnahmen durch den Ryder Cup sind gewaltig, die Marke ist ein Pfund. Noch besser wird es, wenn man sieht, dass die Tour zwar theoretisch nur drei von fünf Stimmen im Auswahlprozess innehat. Es aber praktisch so aussieht, dass dem Tour-Boss nicht wirklich widersprochen wird. Heißt: Wenn Pelley seine Entscheidung vertagt, wie 2015 geschehen, geht das natürlich klar.

Es fragt also niemand wirklich nach den vermeintlich vielfältigen Auswahlkriterien, zusammengefasst in den mehreren hundert Seiten des Bid Books der Bewerber. Die Tour kann auch einfach fragen: Wer zahlt wie viel? Ganz im Gegensatz übrigens zu den Kollegen in den USA (PGA of America), die in der Regel den Austragungsort bezahlen.

In Europa fließt das Geld jedoch in die andere Richtung. So ließ der walisische Milliardär Terry Matthews 2010 laut mehrerer Quellen insgesamt 40 Millionen Pfund dafür springen, dass der Ryder Cup in Celtic Manor stattfinden durfte. Dazu zählte auch die Zusage, 15 Jahre lang die Wales Open dort auszutragen. Vier Jahre vorher hatte Michael Smurfit, Inhaber des K Club nahe Dublin, dasselbe getan. Er bestätigte, dass auf seinem Kurs 13 Jahre lang ein Turnier der European Tour ausgetragen werde. Und den ersten Ryder Cup auf dem europäischen Festland, den holte Jaime Ortiz-Patino 1997 in seinen Club nach Valderrama, Spanien. Das Magazin „Golfweek“ schrieb 2013 über den Coup Patinos, der sich selbst den „gütigen Diktator“ nannte: „Natürlich steht fest: Patino nutzte seinen ungemeinen Wohlstand, um den Ryder Cup zu kaufen. So wie das auch Michael Smurfit und Terry Matthews taten.“

Abhängig vom Ryder Cup

Pelley fragte also im Wissen um diese Geschichten im Dezember 2015 die Bewerber aus Österreich, Deutschland, Spanien und Italien, ob sie nicht auch noch etwas nachlegen wollten. Drei Ländern empfanden das als Affront. Nicht so Italien. So kommt das wichtigste Golfturnier der Welt nach Rom, wo die Parfüm-Päpstin Laura Biagiotti auf ihrem Kurs Marco Simone mit Blick auf den Petersdom aufspielen lässt. Für viel Geld wird der Kurs nun umgebaut, noch mehr Geld fließt in die Italian Open, ein bislang mittelmäßig besetztes und dotiertes Turnier wird zum größten Event vor der Final Series. Und das sind nur die offiziellen Finanzflüsse. Über die Geldquellen kann nur spekuliert werden. Sicher ist, dass dieses Engagement über Bankkonten die Entscheidung brachte.

Es ist also nicht vermessen zu behaupten: Die Marke Ryder Cup hält die Tour am Laufen. Die Turnierserie ist in großem Maße abhängig vom Ryder Cup, der alle vier Jahre in Europa stattfindet. Das Magazin „Golfweek“ nannte Zahlen. Demnach machte die Tour 2010, als der Ryder Cup in Celtic Manor ausgetragen wurde, elf Millionen Pfund Gewinn, ein Jahr später, ohne Ryder Cup, aber 2,2 Millionen Pfund Verlust.

So entschied sich Pelley 2015 auch gegen langfristige Zusagen des Autobauers BMW in Verbindung mit der deutschen Bewerbung. Pelley wollte kurzfristig viele Millionen, die er zunächst nicht wie gewünscht garantiert sah. Italien, unterstützt von der Regierung und von Laura Biagiotti, lieferte die gewünschten Zahlen.

Dabei ist Pelleys Kampf um die Millionen im Windschatten des Ryder Cup durchaus nachzuvollziehen. Im Windschatten drängt man sich tatsächlich dicht, Pelley ist da nicht allein. Für den Ryder Cup 2018 im Le National Golf Club bei Paris (28. – 30. September) gibt es vier offizielle Partner des Ryder Cup, dazu elf sogenannte Official Suppliers, zwölf lizensierte Partner, natürlich auch „Official“, und drei Team-Ausrüster. Die offiziellen Partner sollen, so wird gemutmaßt, rund zwei Millionen Euro investieren müssen.

Ruhm statt Geld für die Spieler

Der Ryder Cup kam so zuletzt auf einen Umsatz von rund 70 Millionen US-Dollar. Die 40. Austragung in Gleneagles 2014 soll der lokalen Wirtschaft in Schottland darüber hinaus einen Bonus von 106 Millionen Pfund eingebracht haben. 190.000 Übernachtungen in direkter Verbindung zum Ryder Cup, 5000 Stunden TV-Übertragung vom Ryder Cup auf 50 verschiedenen Sendern – das sind nur einige wenige Zahlen, die die schottische Wirtschaft vor vier Jahren zusammentrug.

Die „Daily Mail“ analysierte 2014 die Bilanzen der European Tour und kam zu dem Ergebnis, dass die Tour mit den drei zurückliegenden Ryder Cups – 2006, 2010, 2014 – insgesamt 180 Millionen Pfund Gewinn gemacht habe.

Die europäischen Spieler werden für das Event nicht bezahlt. „Die Spieler wissen sehr genau, für wen sie spielen, ihre eigene Firma, wenn sie so möchten“, sagte Richard Hills 2014.

Und natürlich für unendlich währenden Ruhm. Denn das ist die Währung, die der Ryder Cup für die Marke eines Spielers bereithält. Und die ist dann doch auch einiges wert.

Le Golf National