Claus Kobold: „Wir müssen die einfangen, die weg wollen“


Ein Gespräch mit Claus M. Kobold, dem Präsidenten des Deutschen Golf Verbands (DGV), über soziale Aspekte, Golf für jung und alt und die Notwendigkeit eines flexiblen Umgangs mit individuellen Bedürfnissen.

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Perfect Eagle: Herr Kobold, wie beschreiben Sie die Funktion des Deutschen Golf Verbands?

Claus M. Kobold: Wir haben unlängst noch einmal unsere Mitglieder befragt, ob sie den DGV in seiner Funktion als Repräsentanten des gesamten deutschen Golfsports wahrnehmen? Die Zustimmung erfolgte hoch in den 80er Prozentzahlen. Damit ist der DGV noch mal deutlich legitimiert worden.

Wofür steht der DGV in Ihrer Definition?

Der DGV steht für Entwicklung, für Sport, für Services den Mitgliedern gegenüber. Das füllen wir aus, durch unsere Rechtsabteilung beispielsweise – ich nenne hier nur das Stichwort DSVGO –, durch den Sport – Stichwort Organisation der Deutschen Golf Liga. Weitere Stichworte sind das Handicap-System, die Regeln, der Einstieg – Golf ist per se sehr kompliziert – in den Golfsport: Alles Dinge, die wir für die Clubs als unsere Mitglieder aufarbeiten und bereitstellen.

Apropos Regeln: Wie steht der DGV zur für 2019 terminierten Vereinfachung?

Grundsätzlich muss man vorausschicken, dass die Regeln dazu da sind, um zu helfen. „It pays to know the rules.“ Mittlerweile sind sie kompliziert, auch wegen der rund 1.200 Decisions. Aber: Sie helfen! Schade ist, dass die wenigsten mal ins Regelbuch geschaut haben, außer bei der Platzreife. Das würde schon vieles vereinfachen.

Wir sind natürlich positiv eingestellt, wenn es darum geht, das Regelwerk zu vereinfachen. Jetzt gehen wir von 34 auf 24 Regeln, das muss sich einspielen. Es wird sich am Spirit of the Game und am tatsächlichen Umgang mit den Regeln nichts ändern.

Woran muss sich etwas ändern?

Der DGV, der R&A, der europäische Verband EGA, wir alle haben ein Interesse, das Spiel schneller zu machen. Man kann niemandem erzählen, Golf macht Spaß, wenn die Runde sechseinhalb Stunden dauert. Da gehst du vom Platz, hast dir die Füße wund gestanden und keinen Spaß gehabt. Daher haben wir in diesem Jahr schon das Thema Ready Golf probeweise eingeführt. Ready Golf bringt eine Zeitersparnis von 40 Minuten, wenn man‘s richtig anwendet.

Die Grundlagen für den Umgang mit den Regeln oder für ein angemessenes Spieltempo wird in der Ausbildung gelegt, beim Platzreifekurs. Muss der DGV nicht dort ansetzen, um dem Problemkanon des Golfsports zu begegnen? Gibt es dort nicht eine Nachsorgepflicht?

Wir können nur Handouts geben, Best-Practice-Beispiele vermitteln, aber grundsätzlich ist das eine Arbeit, die in den Clubs stattfinden muss …

…aber die Clubs sind Ihre Mitglieder?

Klar, aber der Club hat den direkten Kontakt zum Beginner. Wir können den Club mit bestimmten Tools ausstatten, aber die Arbeit muss dann vor Ort gemacht werden.

Ist nicht auch ein Hinweis von oben möglich, „par ordre du mufti“ quasi: Das und das muss besser vermittelt werden?

Wir haben über das Hearing am Verbandstag die Möglichkeit, so ein Thema zu penetrieren. Das tun und nutzen wir auch. Jeder Club ist aufgerufen und willkommen, sich an die DGV-Geschäftsstelle – Stichwort Services – zu wenden und zu fragen, was können wir besser machen?

Neben der Funktion für die Clubs als Mitglieder: Sehen Sie den Golfverband auch als gesellschaftlichen Faktor?

Wir haben beispielsweise zwei Projekte initiiert, eins, bei dem wir schon sehr weit sind, beim zweiten stehen wir am Anfang: „Golf & Natur“ und „Golf & Gesundheit“.

Golf trägt zum Naturschutz bei, davon sind wir ganz fest überzeugt: Wir legen Streuobstwiesen an, initiieren Blühwiesen, haben Bienen auf dem Golfplatz zum Thema gemacht. Es geht auch um eine Image-Verbesserung. Dass man eben nicht sagt: Golf macht alles gleich, alles sieht geleckt aus. Sondern, dass zum Beispiel aus Brachland wunderschöne Anlagen gemacht werden.

Weitere Stichworte sind: Biodiversifizierung, Nachhaltigkeit. Außerdem ist Pflanzenschutz ein großes Thema. Wir müssen für unsere Mitglieder nach Möglichkeiten schauen, dass sie ihre Anlagen überhaupt aufrecht erhalten können. Dazu der Themenbereich Wasser, Wassernutzung…

„Golf und Gesundheit“ ist angesichts der Mitgliederstruktur in den Clubs ein Riesenthema.

Wir wissen selbstverständlich, dass unsere Mitglieder hauptsächlich in der Generation 50+ neu einsteigen. Diesen Menschen können wir für die nächsten 20 bis 25 Jahre eine Alternative bieten zum reinen Spazierengehen. Kein Sport ist so vielfältig ausübbar in dieser Altersklasse wie Golf. Aber „Golf und Gesundheit“ kann ja schon im Schulsport ein Faktor sein. Bewegung, Koordination, mentale Frische: alles Dinge, die wir mit bespielen. Generell sind wir da mitten im sozialen Bereich.

Nicht zuletzt ist das Thema Behindertengolf zu erwähnen: Integration klingt vordergründig einfach und nachvollziehbar, aber man muss es auch umsetzen. Das erfordert sehr viel Manpower und fängt an der Basis an, bei den Clubhäusern: barrierefreier Zugang, Umkleiden, Duschen etc. Da können wir nicht als DGV ansetzen, das müssen die Clubs an der Basis in die Praxis bringen.

Insgesamt ist das eine vielfältige Palette, von der ich sagen würde: Da sind wir als Golfsport dabei.

Wo sehen Sie für den DGV und für den organisierten Golfsport im Allgemeinen die Herausforderung für die Zukunft?

Im Wohlergehen auf den Anlagen. Wir müssen schauen, dass wir dazu beitragen, den Mitgliederbestand zu halten. Wir haben in Deutschland immer noch ein leichtes Wachstum, das ist nicht selbstverständlich. Rund 650.000 registrierte und schätzungsweise eine Million nicht registrierte Golfer sind schon eine Zahl.

Mit 0,3 Prozent Wachstum im organisierten Golfsport 2017 kann man sich gewiss nicht zurücklehnen: Wie kriegen Sie denn die Million sogenannter „freier Golfer“ in die Clubs?

Ich sehe da nur theoretische Möglichkeiten. Die Praxis läuft doch mittlerweile so, dass oft der Zugang auf die Anlage über die Kreditkarte erfolgt. Jeder Golfplatzbetreiber kann das handhaben, wie er will. Er hat das Hausrecht und bestimmt.

Die Attraktivität zu steigern. ist schwierig, wenn man die Zielsetzung des Individuums nicht kennt. Der eine will über die Wiese klickern und sagt, das reicht mir. Andere wollen ihr Handicap haben, mal einstellig werden. Das geht in der Regel nur durch die Bindung an einen Club, durch Arbeit mit dem Pro, gleichgesinnte Spielpartner etc.

Ich glaube nicht, dass wir jetzt noch eine Million freie Golfer zur Bindung an einen Club bekehren können, das ist ein zu weit gegriffenes Ziel. Aber wenn wir die Steigerungsraten halten und vielleicht noch ein bisschen aufbauen, dann ist das merkbar.

Unser Problem sind vielmehr die 50.000 Abgänge jedes Jahr. Wir müssen die einfangen, die weg wollen. Viele haben wirtschaftliche Gründe: Ich zahle 1.000 Euro, spiele aber nur drei Mal im Jahr. Allerdings: Golf nur am materiellen Aufwand festzumachen, ist zu kurz gegriffen!

Der DGV hat 4,9 Millionen Euro für eine dreijährige crossmediale Werbekampagne ausgeben. Viel Aufwand für welche Wirkung?

Die Bilanz ist aus unserer Sicht ausgesprochen positiv. Die Webseite „www.golfglück.de mit den Probierangeboten „Golf-Erlebniswoche“ und „Schnupperkurs für 19 Euro“ verzeichnete innerhalb der Kampagnenlaufzeit mehr als zwei Millionen Besuche, und allein der TV-Spot, der in den ersten beiden Jahren auch vor der Tagesschau geschaltet wurde, erreichte rund 46 Millionen Menschen innerhalb der Zielgruppe. Außerdem erhöhte sich der Anteil der Nicht-Golfer mit positiver Meinung gegenüber dem Golfsport von 14 auf 24 Prozent. „www.golfglück.de“ wird übrigens fortgeführt und dient weiterhin als deutschlandweite Golf-Einsteigerseite.

Muss man öffentliche Plätze fördern, mehr Pay and Play? Was kann der DGV sonst noch tun?

Es gibt in Deutschland über 370 Möglichkeiten, ohne Mitgliedschaft Golf zu spielen. Viele davon sind bei Clubs angebunden. Die Kunst in den Clubs ist, die Menschen einzufangen und zu sagen: Ich mache dir ein Angebot, das du nicht ablehnen kannst. Die Clubs agieren aber auch da ganz unterschiedlich, von der starren Offerte bis zum maßgeschneiderten Angebot. Vielleicht muss man in den einzelnen Anlagen einfach flexibler werden, um den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Wie leistet der DGV Hilfestellung?

Durch „Players First“ beispielsweise. Wir bieten jetzt im Herbst per Software unter diesem Namen eine Möglichkeit der Mitgliederbefragung, die in die Tiefe geht, bei der bestimmte Segmente des Clubs und der Anlage abgefragt werden. So entsteht ein Ranking, ein Benchmarking, das helfen kann, wirklich bei den Problemen und Defiziten anzusetzen. In Skandinavien ist das sehr populär – da kommt es auch her. Der DGV hat mit dem Lizenzgeber sehr günstige Konditionen ausgehandelt. In Dänemark hat das schon gut gewirkt. Das setzt aber Engagement, ein bisschen Aufwand und den Willen zur Umsetzung voraus.

Herr Kobold, besten Dank für das Gespräch.

DGV