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Heiß, heißer, Bryson DeChambeau


Ein Mann der Technik: Bryson DeChambeau sägt an seinen Schlägern, verschlingt Bücher, schreibt rückwärts und will in allem der Beste sein. Eine Annäherung an ein Talent, das den Golfsport revolutionieren könnte - und seit seinem zweiten Playoff-Sieg in Folge am Montag auf dem besten Wege ist.

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Dieser Artikel erschien in etwas anderer Form in Perfect Eagle #31

Natürlich kann man bei der Kopfbedeckung anfangen, einer Schiebermütze im Stile Ben Hogans. Es ist sein Markenzeichen seit frühesten Teenagertagen und Bryson DeChambeau wäre damit selbst auf dem Gruppenbild der Top 100 der Welt immer sofort zu erkennen. Eben weil er anders aussieht. Viel wichtiger ist aber: Er sieht nicht nur so aus, er ist auch anders als die anderen Golfer da draußen auf der Tour, für viele ist er das wohl spannendste Talent auf der Tour.

DeChambeau, 24, spielte lange nicht so erfolgreich Golf wie der gleichaltrige Jordan Spieth, auch wenn er als Amateur so viel erreichte wie nur wenige vor ihm. Er ist kein Darling wie Rickie Fowler und keine golferische Urgewalt wie Jon Rahm. Aber das sind auch gar nicht die Maßstäbe. Bryson DeChambeau ist viel mehr. Er ist der Mann, der den Golfsport revolutionieren könnte, „er ist der eine, der das Potenzial hat, Golf von Grund auf zu ändern“, sagt Jim Nantz, Kommentatoren-Legende des TV-Senders CBS. Seine Siege in den in den ersten beiden Runden der Playoffs der US PGA Tour lassen erahnen, dass er tatsächlich recht haben könnte. DeChambeau ist inzwischen die Nummer sieben der Welt, die Saisonrangliste führt er deutlich an. Seine Paarung mit Tiger Woods im Ryder Cup Ende des Monats scheint beschlossene Sache zu sein. „Es ist fantastisch, mit ihm zu spielen“, sagt Woods und macht klar: DeChambeau ist derzeit der heißeste Spieler der Welt.

Der Rechenkünstler

Doch von vorne. Im Alter von sechs Jahren brillierte DeChambeau bereits als Rechenkünstler in der Schule, seine Noten waren durchgehend spitze – auch im Sport. Bevor er sich auf das Golfspielen konzentrierte, war er sowohl im Fußball, Basketball als auch im Volleyball herausragend. Doch Mannschaftssport lag ihm nicht. „Er kam nicht damit zurecht, dass die anderen Spieler nicht so hart arbeiteten wie er“, erzählt sein Vater Jon DeChambeau.

Bryson war deswegen nicht nur ein guter Schüler. Er war auch ein unangenehmer Schüler. Er wollte alles genau wissen, wollte Beweise für das, was die Lehrer ihm beibringen wollten. Sein Vater selbst erkannte, dass er seinen Sohn, wenn er schon in der Schule keine Wahlmöglichkeiten hatte, zumindest zu einem besonderen Golflehrer bringen müsse.

Mike Schy war der Pro, der den 15-jährigen Bryson mit einem Buch in Kontakt brachte, das die Karriere des Zöglings veränderte – und in der Folge nicht nur diese. „The Golfing Machine“ von Homer Kelley, erschienen 1969, predigt, vereinfacht gesprochen, den einfach zu wiederholenden Golfschwung mit Schlägern gleicher Länge. DeChambeau war 17, als er das Buch bis ins kleinste Detail analysierte und seine eigenen Schlüsse daraus zog. „Das Buch wurde missverstanden“, findet er nun. „Es basiert auf Wissenschaft, deswegen denken die Leute, es zeige einem, wie man zu schwingen habe. Dabei geht es darum, individuelle Unterschiede möglich zu machen. Bei jedem Körpertyp sieht der Schwung anders aus. Das hat mich gefesselt. Es geht um das Individuum. Viele Wege können im Golf zum Erfolg führen.“

Viele Wege können im Golf zum Erfolg führen. Ich liebe es, Dinge zu erschaffen.

Bryson DeChambeau

Künstler statt Maschine

DeChambeau wollte eine Basis finden, auf der er persönlich nachhaltigen Erfolg haben könnte. Mit diesem stabilen Fundament ausgerüstet, könne man dann im Jetzt Künstler statt Maschine sein. „Das ist das ultimative Ziel im Golf.“ Sein Weg zu diesem Ziel war nun ein ganz spezieller. Er las von Theorien und suchte Beweise dafür. Er grübelte und studierte, er war stur und hartnäckig – und wahnsinnig ehrgeizig. „Ich war nicht in der Lage, mit zwei unterschiedlichen Schlägern 20 gleiche Schwünge hintereinander zu machen. Ich musste immer irgendwas mit dem Körper verändern.“ Also bastelte er so lange an seinen Golfschlägern herum, bis alle, vom 3er-Eisen bis zum Lobwedge, die Schaftlänge eines Eisen 6 hatten. Er veränderte den Lie-Winkel und gab allen Schlägerköpfen das gleiche Gewicht: 278 Gramm. Jetzt konnte er mit jedem Schläger gleich schwingen, in der Bewegung, die er mithilfe der „Golfing Machine“ für sich erarbeitet hatte. „Ich habe einen einzigartigen, deutlich technischeren Schwung als die meisten Spieler“, sagt er. Jeder könne aber von der Einfachheit der konstanten Schlägerlängen profitieren. Inzwischen hat sein Ausrüster Cobra prompt ebensolche Schlägersätze auf den Markt gebracht. Es ist ein Schritt auf dem Weg, „den Menschen einen einfachen Weg zu zeigen, den sie noch nicht gefunden haben.“ Nach eigener Aussage will er möglichst viele Menschen zum Golfsport bewegen.

Der Einstein des Golfsports

DeChambeau gefällt sich in der Rolle des Philosophen, des Predigers, des Vordenkers. Der Mann, der Physik im Hauptfach am College hatte, kann die Newtonschen Gesetze ebenso zitieren wie Einstein, Edison oder die Bibel. Und er tut das gern. Als er 2016 die Tour enterte, erlebte er die Aufmerksamkeit schnell als Geschenk. „Es ist eine Plattform, auf der ich frei heraus darüber sprechen kann, was ich will, dass es die Welt hört. Das finde ich toll. Ich mag es, es macht Spaß. Darauf habe ich mich, ehrlich gesagt, lange gefreut.“ Als er zu Beginn des Jahres von einer Verletzung berichtete, verwendete er in einem Satz die Begriffe „Quadratus Lumborum, Iliacus und Longissimus Thoracis“.

All das klingt ein wenig nach Luftikus, nach einem oberflächlichen Drang, zu gefallen, das Wissen zur Schau zu stellen. Dabei geht der Golfsport bei DeChambeau sehr, sehr tief. Er ist so darin versunken, dass er davon einfach reden muss. Sein Arbeitsethos hat sich seit der Schule nicht verändert. Auf der Range ist er so lange wie fast kein anderer, für die Koordination – er nennt sie „Propriozeption“ – spielt er Tischtennis und balanciert auf einer so genannten Slackline. „Ich bin nicht wirklich klug“, erzählte er einmal. „Aber ich bin sehr engagiert. Ich versuche, der Beste in allem zu werden. Ich liebe Geschichte. Ich liebe die Wissenschaft. Ich liebe Musik. Ich liebe Golf. Ich liebe das Lernen. Ich liebe das Leben.“ Einmal brachte er sich bei, mit links rückwärts schreiben zu können. Seitdem gibt der Rechtshänder Autogramme mit links. Und schreibt seinen Namen von rechts nach links. „Wenn ich arabisch oder russisch lernen wollte, ich könnte es“, sagt er. „Warum? Hingabe.“

Einmal lieh er sich ein Physik-Buch aus der Bibliothek und schrieb es zuhause komplett ab. Er wollte seinen Eltern, die seiner Meinung nach genug in seine Golf-Karriere investierten, nicht auch die 200 US-Dollar für das Buch aufbürden. Also entschied er sich für die manuelle Kopie. „So habe ich die Dinge viel umfassender verstanden.“ Solche Geschichten sind es, die Beobachter verwundert und bewundernd zugleich die Stirn runzeln lassen. Golf Digest nennt ihn „das seltsame Golf-Superwesen, das Stephen Hawking mit Ben Hogan vereint“. Was für ein Typ hat sich da auf die Tour verirrt? Einer, und das darf niemals vergessen werden, der bei aller Theorie – auf den Grüns vertraut er dem so genannten „Vector Putting“ – auch ein sehr guter Praktiker ist.

In seinem letzten vollen Jahr als Amateur gewann er die beiden wichtigsten Amateurturniere der Vereinigten Staaten, die US Amateur und die NCAA Championship, die US-amerikanische College-Meisterschaft. Das haben vor ihm nur vier Spieler geschafft: Jack Nicklaus, Phil Mickelson, Tiger Woods und Ryan Moore. Drei sind Legenden, einer, Ryan Moore, immerhin vierfacher PGA-Tour-Sieger und Ryder-Cup-Spieler. DeChambeau kommt inzwischen auf vier Siege auf der US PGA Tour. Der letzte, dem das in den ersten 70 Starts gelungen ist, war Rory McIlroy.

Die Kollegen konnte er trotz allem noch nicht von seinem besonderen Schlägersatz überzeugen, auch wenn einige durchaus angetan waren von den Werkzeugen des Mannes aus Kalifornien. In Dubai war es Rory McIlroy, der sich auf der Range DeChambeau näherte und fragte, ob er die Schläger einmal ausprobieren dürfe. Wenig später sagte die frühere Nummer eins der Welt: „Bryson hat richtig Kontrolle über seinen Golfball. Er glaubt wirklich an seine Methode. Er hat eine richtig, richtig rosige Zukunft vor sich.“

DeChambeau sagt über sich selbst, er sei ein Künstler. „Ich liebe es, Dinge zu erschaffen.“ Golf Digest schreibt: „Er hat entweder eine neue Art des Golfsports entdeckt, eine neue Kleiderordnung, den perfekten Schlägersatz, die große vereinheitlichte Theorie, eine komplexe Theorie des Bewusstseins oder hat ein neues spirituelles Erwachen ausgelöst. Oder alles zusammen.“

Egal, wo der Weg des Bryson DeChambeau noch hinführen mag. Unabhängig aller Erfolge, die kommen oder nicht kommen mögen – dieser junge Golfer hat die Golfszene mehr zum Grübeln gebracht als so manch berühmtes Wasserhindernis je imstande sein wird. Und das alles, weil er selbst so viel Spaß daran hat, sich den Kopf zu zerbrechen.

Grundlagen

*16. September 1993 in Modesto, CA

1,85 Meter | 84 Kilogramm

 

College

Southern Methodist University, Dallas, Texas

 

Eigenbezeichnung

„Golf-Wissenschaftler“

 

Größte Erfolge

Fünfter Spieler der Geschichte, der NCAA Division I und US Amateur im selben Jahr gewinnen konnte (2015), ein Jahr später bester Amateur beim Masters (T21) – zwei Titel auf der US PGA Tour

Bei seinem ersten Profi-Start auf der US PGA Tour im April 2016 wurde er gleich Vierter  (RBC Heritage)

Auf das letzte Jahr auf dem College verzichtete er und wurde gleich Profi

Siege zum Auftakt der Playoffs der US PGA Tour 2018 bei der Northern Trust und der Dell Technologies Championship

Beste Major-Platzierung

Platz 15, US Open (2016)

Extra-Fact

Er legt seine Bälle in Bittersalz, um sie auf Unregelmäßigkeiten zu testen