Round Table: „Golf ist ein sehr zeitintensiver Sport“


Wie sollte sich der Sport positionieren? Müssen die Clubs an ihrem Marketing arbeiten? Und wie wichtig sind bekannte Testimonials für das Image des Golfsports? Perfect Eagle setzte sich in München mit vier Teilnehmern an den Tisch, um zu klären, wie Golf als Marke funktioniert.

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Teilnehmer: Marco Kaussler ist Geschäftsführer bei CAA Sports und Turnierdirektor der BMW International Open. Jörn Plinke ist zuständig für Sports Marketing bei der BMW Group. Christine Wolf ist Profi auf der Ladies European Tour und Olympia-Teilnehmerin in Rio de Janeiro 2016. Yves Ton-That ist Autor zahlreicher Bücher, gilt als Regelpapst und hat mit ExpertGolf eine der erfolgreichsten Apps für Golfer auf den Markt gebracht.


Perfect Eagle: Warum hat Golf in unseren Breitengraden ein eher schlechtes Image?

Christine Wolf: Meiner Meinung nach ist das ein Vorurteil. Klar gibt es ein paar Clubs, die etwas schnöselig sind. Aber es gibt auch viele junge Anlagen. Bei der Mode müsste sich aber noch einiges tun. Ich habe in meinem Club aber mit vielen jungen Anfängern gesprochen, die sagen, dass Golf total lässig sei und ganz anders wäre, als sie es sich vorgestellt hätten.

Marco Kaussler: Das Klischee, dass Golf konservativ und für reiche Leute ist, wird in den Medien leider immer wieder bedient. Ich glaube, die finanzielle Einstiegshürde ist nicht mehr gegeben. Das war vor 20 bis 30 Jahren ein Thema, als man ohne den Kauf einer teuren Mitgliedschaft gar keine Chance hatte, zu spielen. Heutzutage gibt es bundesweit Angebote, Golf auszuprobieren. Ich glaube das Problem ist eher, dass Golf ein sehr zeitintensiver Sport ist.

Jörn Plinke: Grundsätzlich erreicht man im Golf eher eine vermögende Zielgruppe. Aber es gibt durchaus Änderungen, die den Sport nach vorne bringen: Golf ist olympisch geworden. Und es gibt durchaus viele junge Menschen, die gerne spielen. Das könnten die Medien noch stärker kommunizieren. Wie sollte sich der Sport positionieren? Plinke: Sportlich modern. Ich glaube, dass man dadurch die Zielgruppe nicht verliert. Und es wird zu einem Generationenwandel kommen, der allerdings nicht von heute auf morgen passiert.

Kaussler: Es gibt schon Neuerungen, die Sinn machen. Die höhere Spielgeschwindigkeit oder die Vereinfachung der Regeln. Das sind Initiativen von eigentlich sehr alten und konservativen Institutionen, um Golf schneller und attraktiver zu machen, ohne den Charakter des Sports aufzugeben.

Jörn Plinke (Mitte); Foto: Fabian Sixt

 

Helfen die neuen Regeln (ab 2019) dem Sport?

Yves Ton-That: Ich finde die Vereinfachungen super, bin aber trotzdem der Meinung, dass da noch mehr gegangen wäre. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist auch eine Gratwanderung: Zu revolutionäre Konzepte sind fehl am Platz. Auch wenn man dadurch vielleicht neue Zielgruppen anlockt. Man darf nie vergessen, dass die bestehenden Golfer weiterhin eine ganz wichtige Zielgruppe sind.

Kaussler: Letztlich werden die Themen Regeln und Etikette aus meiner Sicht im deutschsprachigen Raum ein wenig missbraucht. Es wird eine Art Angstbarriere aufgebaut. Ganz ehrlich: Um auf den Golfplatz zu gehen und zu schnuppern, darf es nicht erforderlich sein, eine Regelprüfung bestanden zu haben. Es geht um Sicherheit, aber das ist auch das einzige. Wie ist das mit den Zuschauern bei Golfturnieren? Sollten die das Ganze stärker als Event sehen, lautstark jubeln und sich kleiden, wie sie wollen?

Wolf: Ich bin als Profi viel im Ausland unterwegs. In den USA ist Golf beispielsweise viel mehr Lifestyle. Anderes Beispiel: Anfang des Jahres habe ich in Australien ein Mixed-Turnier gespielt. Da war mitten auf dem Platz eine riesige Tribüne aufgebaut, auf der während des ganzen Turniers Live-Musik gespielt wurde. Da der Geräuschpegel aber immer ähnlich ist, kann man das problemlos ausblenden. Genau wie beim Ryder oder Solheim Cup, wo die Fans total ausrasten. Das ist auch für die Spieler toll und durchaus eine Unterstützung.

Ton-That: Ich würde gerne zur Aussage von Marco noch etwas sagen. Ich sehe das sehr ähnlich, dass man die Leute erst mal auf den Platz holen sollte. Ich war dann aber sehr überrascht, als mir Verbände sagten, dass es Studien gibt, die besagen, dass Anfänger im Schnitt mit Handicap 45 aufhören. Der Grund ist anscheinend, dass es ihnen zu Beginn zu einfach gemacht wurde. Sie merken im Anschluss, dass es doch viel mehr Training und Zeit benötigt, um in diesem schweren Sport weiterzukommen. Das führt dann zur Frustration. Ein wenig vergleichbar ist das Szenario mit der Jagdprüfung: Die ist sehr schwer und man weiß, dass man für das Bestehen zwei Jahre lang lernen muss. Wenn man sich das vornimmt, zieht man es aber meistens auch durch.

Marco Kaussler (r.) und Jörn Plinke; Foto: Fabian Sixt

 

Wie sieht es mit anderen Konzepten aus? Also 6-Loch-Anlagen oder spezielle Afterwork-Formate?

Plinke: Wenn ich Mal Zeit finde, Golf zu spielen, dann will ich zügig ein paar Löcher spielen. Da tue ich mich natürlich schwer, wenn da auch gerade die Einsteiger unterwegs sind und ich an jedem Loch warte. Vielleicht muss man das speziell deklarieren, damit jeder weiß, was ihn erwartet. Dass man vom knallharten Turniergolf wegkommt, wäre aber sicherlich wünschenswert. Wolf: Ich glaube es ist schwierig, da eine Linie zu ziehen. Es gibt den Freizeitgolfer und den Turnierspieler. Man müsste etwas finden, das für beide Welten passt.

Kaussler: Aber muss das jemand vorgeben? Richtiges Golfspielen heißt doch nur, den Ball zu schlagen und ins Loch zu bringen – und zwar so lange, wie man möchte. Die Realität ist doch, dass vielleicht ein Drittel der Golfer sehr ehrgeizig sind und das Handicap verbessern möchten. Die anderen spielen wahrscheinlich auch sehr gerne Golf, aber das Ergebnis ist nicht von übergeordneter Wichtigkeit. Die Plätze im deutschsprachigen Raum sind eher austauschbar. St. Andrews, Valderrama oder Pebble Beach kennt hingegen jeder Golfer. Würde eine absolute Top-Anlage das Spiel in der DACH-Region nach vorne bringen? Ton-That: Ich weiß es nur sicher für die Schweiz: Überhaupt einen Platz zu bauen ist sehr schwierig. Es gibt unglaublich viele Auflagen, es sind praktisch keine Erdbewegungen erlaubt. Es ist eigentlich kaum möglich, so eine Kiste hinzustellen.

Christine Wolf (r.) und Yves Ton-That; Foto: Fabian Sixt

 

Rein hypothetisch: Wäre ein Platz mit einem Greenfee zwischen 300 und 400 Euro überhaupt gesellschaftlich akzeptiert?

Plinke: Man kann sich das auch nicht einfach kaufen. Die genannten Plätze haben so eine bedeutende Historie mit Majors oder dem Ryder Cup, das kann man kaum nachmachen. Ich denke, für die Wetterbedingungen haben wir insgesamt recht gute Plätze. Rein hypothetisch: Wäre ein Platz mit einem Greenfee zwischen 300 und 400 Euro überhaupt gesellschaftlich akzeptiert?

Kaussler: Eine wirkliche Top-Anlage auf höchstem Niveau würde in Deutschland so teuer werden, dass es sich einfach nicht rentieren würde. Sogar in Europa gibt es einige Beispiele, wo Investitionen jenseits der zehn Millionen nicht finanzierbar sind. In den USA gibt es eine größere Zielgruppe und die Bereitschaft, für Freizeit mehr Geld auszugeben. Da zahlt man schon mal 280 Dollar für ein Konzertticket. Bei uns würde das 80 Euro kosten.

Kann man sich ein Pebble Beach oder Augusta in Deutschland überhaupt vorstellen?

Ton-That: Die Gefahr bei so einer super-exklusiven Anlage ist natürlich, dass nur ganz wenige profitieren. Vorurteile würde es zudem auch reichlich provozieren. Ich glaube nicht, dass das dem heutigen Zeitgeist entspricht. Sind die Clubs gefragt, um z.B. in Sachen Service oder Preispolitik besser zu werden? Ton-That: Das klassische Modell bei uns war ja immer: Die Mitglieder finanzieren den Platz, wir brauchen also keine Gäste. Daher gab es auch diese ‚Gäste-Nein-Danke-Policy‘. Die gibt es teilweise auch heute noch, es wird sie wohl immer geben. Aber es gibt eben auch immer mehr Clubs, die darauf angewiesen sind, andere Modelle zu fahren. Da muss man dann schon überlegen, wie man die Leute auf den Platz bekommt und sich von anderen abhebt. Ein Problem aus meiner Sicht: Die meisten Clubs haben gar keinen Marketingverantwortlichen. Ein Club muss wirklich wissen, wie er sich positionieren möchte – und dann auch die richtigen Leute dafür holen. Kaussler: Bei Privatanlagen ist es extrem schwierig, das Geschäftsmodell zu ändern. Denn man muss eine Balance finden, damit die Alt- und Neumitglieder zufrieden sind. Das ist eine unglaubliche Herausforderung. Golfanlagen im Tourismus hingegen kann man konzipieren und budgetieren. Plinke: Ich finde Österreich spannend. Dort sind viele Plätze in Skidestinationen entstanden. Man merkt, dass da ein Marketing-Apparat dahinter steckt, der weiß, welche Zielgruppe angesprochen werden soll. Ähnlich ist es in Dubai, wo gezielt Golftouristen angezogen werden. Mir ist nicht bekannt, dass es Ähnliches in Deutschland gibt, wo zum Beispiel München und seine Golfanlagen gezielt um internationale Gäste werben. Wie wichtig sind Testimonials wie Franz Beckenbauer oder Thomas Müller? Oder braucht man eher Rickie Fowler und Tiger Woods?

Ton-That: Ja, ich denke, das hat eine sehr hohe Glaubwürdigkeit. Das sind tolle Identifikationsfiguren.

Plinke: Das hilft, die eingangs besprochenen Vorurteile zu widerlegen. Wenn Thomas Müller oder Surfer Kelly Slater auf dem Golfplatz erscheinen und das auf ihren Social-Media-Kanälen posten oder darüber berichtet wird, kommt sicher keiner auf die Idee, an ‚Karohosen‘ oder ‚elitär‘ zu denken. Das Image färbt ab.

Wolf: Ich bekomme mit, dass ganz viele Profisportler aus anderen Disziplinen Golf spielen und es lieben. Viele Wintersportler, wie z.B. Michi Kirchgasser, Nicole Hosp oder Stephan Eberharter, verbringen den ganzen Sommer auf dem Platz.

Kaussler: Für Athleten ist Golf eine große Herausforderung, weil es so messbar ist. Wo gibt es das sonst, dass eine Zahl nach einem Loch ganz klar zeigt, wie gut du warst.

Was sagt Ihr zu Neuerungen im Turniersport wie GolfSixes in London oder dem Shot Clock Masters in Österreich?

Wolf: Ich war am Finaltag in Atzenbrugg als Zuschauer – und ich war echt beeindruckt. Normalerweise wartet man immer sehr lange am Grün, bis einer puttet. Das war diesmal ganz anders, alles ging zack, zack! Es wurde auch nicht schlechter gespielt, was man an den Scores sah. Auch die Spieler, mit denen ich gesprochen habe, meinten, dass sie es toll fanden, schnell zu spielen. Das Feedback war also sehr gut.

Ton-That: Golf ist generell als Zuschauersport nur mäßig attraktiv, da es im Vergleich zu anderen Sportarten nicht so dynamisch ist. Im Unterschied zu Fußball oder Tennis schauen auch nur Golfer zu. Ich glaube, dass der Amateursport wie der Profisport gespielt werden sollte. Es gibt ja Ideen, das zu ändern. Durch besondere Regeln oder den Einsatz anderer Bälle. Aber wenn der Clubsport so weit vom Profisport abdriftet, dass es es nicht mehr vergleichbar ist, dann sehe ich das eher als gefährlich an. Wenn Tiger Woods den Platz in so und soviel Schlägen spielt und ich als Amateur dann auf demselben Platz 30 Schläge mehr brauche, kann ich das vergleichen. Wenn das nicht mehr gegeben ist, hat man noch weniger Zugang zu diesem Sport.

Plinke: Ich meine, dass man mit solchen Formaten den Sport vor allem für die TV-Zuschauer und die digitalen Medien aufwerten möchte. Der Zuschauer vor Ort ist meist generell beeindruckt, wie gut die Pros sind. Nicht nur die Top-Namen, sondern eigentlich das gesamte Feld. Aus BMW-Sicht gesprochen, finden wir es positiv, dass experimentiert wird. Im Bezug auf die BMW International Open denken wir schon darüber nach, was ein attraktives Format neben den 72 Löchern-Zählspiel sein könnte. Als Veranstalter können und wollen wir aber nicht dem Sport vorgeben, wo er hin laufen soll. Das müssen die Verbände entscheiden.

Stichwort Bernhard Langer und Martin Kaymer. Ist die sportliche Dominanz wichtig?

Ton-That: Auf jeden Fall. Wenn eine Nation einen Top-Spieler hat, ist das ein riesiges Zugpferd.

Kaussler: Das ist das beste, was einer – jeder – Sportart passieren kann. An der Stelle muss ich einmal sagen, dass Bernhard Langer für mich einer der größten Sportler aller Zeiten ist. Das kommt in den Medien nicht mehr so rüber, aber ich kenn keinen Athleten, der so erfolgreich über einen so langen Zeitraum ist.