Bild: HIO Fitting

Schläger-Fitting: Zurück in die Zukunft


Beim Anpassen von Schlägern spielt die Technologie mittlerweile eine tragende Rolle. Wir blicken hinter die Kulissen des Fitting-Prozesses.

Von: Timo Schlitz

Die Zeiten von Hickory-Hölzern und Feathery-Bällen sind längst vorbei. Und das Eisen 1 ist nur noch für einen Witz gut (okay, hier ist er: Warum soll man bei einem Gewitter ein Eisen 1 in die Luft halten? Weil nicht mal der liebe Gott ein Eisen 1 trifft!). Die Themen Technologie und Digitalisierung machen aber auch vor der Golf-Industrie nicht halt. Im Fitting ist der Einsatz sogar schon recht weit, vor allem in der Analyse. Das statische Fitting, bei dem der Schläger alleine auf die Körpermaße angepasst wurde, gilt als altbacken. Gefittet wird mittlerweile hauptsächlich Indoor, denn hier sind die Fehlerquellen für die Aufzeichnung der Daten am geringsten (z.B. Temperatur, Wind, unterdurchschnittliche Range-Bälle, zu starker Fokus auf das Schlagergebnis). Geschlagen wird dabei auf eine Leinwand, der Ballflug mit einem Launch-Monitor vermessen. Radar- und Kamerasysteme zeichnen den Ballflug detailgetreu auf und spielen die Daten in Echtzeit ein. Dazu kommen verschiedene Perspektiven, die den Schwung – und damit den passenden Schläger – identifizieren.

Man kann sagen, dass kaum ein Hersteller oder Fachgeschäft noch ohne Launch-Monitor oder anderen technische Helferlein auskommt. Fitting ist fast schon zum Standard geworden, egal ob bei Golf House, Hohmann oder Golfstore. Einige Marken gehen sogar so weit, dass sie ihre Schläger ohne Anpassen gar nicht mehr verkaufen (z.B. PXG). Die Professionalisierung hat dabei natürlich ihren Preis. Bei Marco Burger und Benny Pfister von HIO Fitting bei München ist beispielsweise Technik im Wert von rund 100.000 Euro verbaut.

Die beiden Unternehmer, die beide an der TU München studiert haben, setzen auf Technik, wo sie aus ihrer Sicht Sinn macht. Mit dem Launch-Monitor (Foresight GC2) werden u.a. Abfluggeschwindigkeit, Abflugwinkel und Spinrate des Balls gemessen. Zudem geben die Daten Informationen über die Schlagflächenstellung und den Eintreffwinkel des Schlägers. Außerdem bietet das Duo die Vermessung der Gewichtsverteilung im Schwung auf einer Kraftmessplatte und den Einsatz von 3D-Sensoren (über einen Handschuh) an. Beim Vermessen der Putt-Bewegung wird das System SAM Putt Lab eingesetzt. Man merkt: Hier wird viel Technik geboten.

Es kommt auf die Dateninterpretation an

Aber sie alleine kann es nicht richten. Es kommt auf das Zusammenspiel von Mensch und Maschine an. Burger meint dazu: „Die beste Messtechnik hilft nichts, wenn man die Ergebnisse nicht richtig interpretieren kann.“ Seiner Einschätzung nach sind ein Drittel Technik und Analyse, ein weiteres die Interpretation und der übrige Teil dann die fachgerechte Umsetzung im Schlägerbau. „Läuft ein Part schief, bringt es am Ende gar nichts“.

Der Ansatz von HIO ist dabei ein wenig anders im Vergleich zu klassischen Custom Fittern: „Unser Ziel ist es, dem Spieler Aufschluss über seine technischen Möglichkeiten zu geben, andererseits das eigene Material zu analysieren und auf Basis dessen Empfehlungen zu geben“, erklärt Benny Pfister. Laut Pfister ist dafür ein Launch-Monitor, der die Ballflugdaten aufzeichnet, „zwingend notwendig“ (Ausnahme: Putter und Wedges). Nur so lassen sich verschiedene Köpfe und Schäfte vergleichen. „Fitting ohne moderne Messinstrumente ist bei der Materialvielfalt reine Spekulation“, wirft Kollege Burger noch ein. Natürlich werden die Daten der Kunden digital gespeichert und per Mail gleich an den Kunden geschickt. Denn wer hat schon den dynamischen Loft seines Eisen 7 im Kopf?

Professionelle Handarbeit: Das Zusammensetzen der Schläger

Nach der Fitting-Analyse werden die Schläger bei HIO in der eigenen Werkstatt maßangefertigt. Jeder Schaft kann mit jedem Kopf kombiniert werden, sodass der Spieler nicht an Richtlinien der Hersteller gebunden ist. Viel Handarbeit bleibt trotzdem, denn Kopf und Schaft werden jeweils geklebt und auch die Griffe einzeln aufgezogen. Ganz interessant: Bei vielen Marken wird der handwerkliche Prozess (Stichwort: geschmiedete Eisen) wieder mehr in den Fokus gestellt.

Beim Vertrieb haben die Münchner die Digitalisierung wieder aufgegriffen. HIO hat eine App entwickelt, über die Vertragspartner aus ganz Europa per App die Fitting-Analysedaten ihrer Kunden eintragen und die passenden Schläger direkt in Auftrag geben können. Am Ende bekommt man das besten aus beiden Welten: technologischen Fortschritt und eine qualitativ hochwertige Maßanfertigung.

Ablauf eines Fittings bei HIO

  1. Vermessung der eigenen Schläger (Länge, Winkel, Gewichtungen)
  2. Interview mit dem Spieler (u.a. Spielniveau, Spielhäufigkeit, Trainingsmotivation, Stärken und Schwächen, typischer Ballflug)
  3. Warm-Up mit eigenen Schlägern
  4. Bewertung der Ballflugdaten der eigenen Schläger am Launch-Monitor (Ist-Stand)
  5. Statische Ausmessung (Körpergröße, Armlänge, Handgröße)
  6. Vergleich verschiedener Köpfe und Schäfte
  7. Subjektiven Testsieger festlegen und mit objektiven Daten am Launch-Monitor vergleichen
  8. Optik und Individualisierungsmöglichkeiten definieren

Info: HIO Fitting

HIO Fitting bei München ist das größte Fitting-Studio in Deutschland und bietet Schlägeranpassungen für Anfänger bis zum Profi. Dabei wird im ersten Punkt der eigene Driver analysiert; im zweiten Schritt werden die Werte und das Gefühl im Treffen mit verschiedenen Köpfen und Schäften verglichen. Ein Driver-Fitting dauert rund 1,5 Stunden und kostet 75 Euro. Hier können Sie ein Fitting buchen.