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Golfmacht: Wer ist hier der Boss?


Wer hat das Sagen im Golfsport? Spieler, Equipmentfirmen, Medien? Die Golfmacht liegt woanders – im Osten Schottlands und im Osten der USA. Teil 1 unserer Macht-Serie.

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Am letzten Kreisverkehr vor dem Zentrum in St. Andrews müssen Besucher, die aus dem Landesinneren kommen, die zweite Ausfahrt in die North Street nehmen. Es gilt aufzupassen, denn relativ schnell geht es gleich wieder links in eine kleine Gasse, deren Name in all seiner Nüchternheit schon ein wenig von der historischen Aura dieses Ortes verrät: Golf Place. Gibt es eine bessere Bezeichnung für diese Straße?

Wer in die Gasse eintritt, hat sehr bald freie Sicht. Geradeaus tobt die Nordsee, links erstreckt sich eine riesige Grünfläche. Sonntags gehen die Bewohner des schottischen Universitätsstädtchens hier spazieren oder lassen sich zum Picknick nieder. An allen anderen Tagen gehen sie nur spazieren –oder spielen Golf auf dem Kurs, den sie Old Course nennen und der zu den berühmtesten Plätzen gehört, die der Golfsport kennt. An jedem Tag schlägt hier das Herz dieses Sports, was auch mit dem mächtigen viktorianischen Clubhaus zu tun hat, das wenige hundert Meter in Richtung Ostküste Schottlands zwischen Stadt und Nordsee thront und den Stürmen trotzt. Stürmen, die vom Meer kommen und deren Zeichen mächtige Wellen sind.

Hier ist sie zuhause, die R&A, 2004 hervorgegangen aus dem heute legendären Royal & Ancient Golf Club of St. Andrews, gegründet 1754. Die obersten Regelhüter werden sie
genannt, die Herren mit den altmodischen Krawatten, die den Sport zwischen Ölgemälden und tiefen Ledersesseln durch den Wandel der Zeiten führen sollen. So sind es nicht selten – um im Naturbild des „Home of Golf“ zu bleiben – auch Wellen, die sich vom imposanten Bau, erbaut 1874, in die Golfwelt hinausbewegen und bisweilen für Stürme sorgen; draußen, wo sich das Spiel nach dem richtet, was in St. Andrews entschieden wird. 

R&A – eine der einflussreichsten Institutionen

Der Boss, Martin Slumbers, der vom obersten Stockwerk einen guten Blick in den Schoß der Sportart hat, nannte die R&A bei seiner Ernennung zum Geschäftsführer 2014 „eine der einflussreichsten Institutionen im Weltsport“. Seit 1952 gestaltet diese Institution gemeinsam mit den US-Kollegen der US Golf Association (USGA) in Far Hills, New Jersey, die für die USA und Mexiko verantwortlich sind, aufgeteilt in acht Komitees, nicht nur die wichtigen Golfregeln. Sie überwacht die Evolution des Equipments, kümmert sich um die Amateure, die Forschung, ein Museum und grundsätzlich um die Entwicklung des Sports. Gerade wurde bekannt, dass das Duo nun auch ein weltweit einheitliches Handicap-System einführen will. Allein das Einflussgebiet der R&A erstreckt sich über 152 Golf-Organisatoren, über 30 Millionen Golfer in 140 Ländern. 

Es ist ein Job, der nicht gemacht ist für Menschen, die Beliebtheitswettbewerbe gewinnen wollen. Es ist ein Job für Menschen, die gerne Einfluss nehmen, Dinge bewegen. Die R&A und die USGA sind die Machtzentren des Golf. Und wie so oft ist es die Macht, die die Menschen polarisiert. So gibt es so viele Meinungen wie Golfer. Nicht selten sind sie alles andere als freundlich.

Als die R&A mit der USGA das Putten mit am Körper verankertem langen Schaft 2016 endgültig verbot, klagte einer der berühmtesten Lang-Putter, Bernhard Langer, für seine Verhältnisse sehr deutlich: „Ich bin nicht begeistert davon und verstehe die Entscheidung immer noch nicht.“ Und natürlich klagen auch viele Schlägerhersteller, die den mühsamen Prozess der Genehmigung ihrer Produkte durch die Golf-Institutionen oftmals nicht wirklich verstehen können.

 

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Elitäre Männerbünde?

In der Kritik steht bis heute auch der Umgang mit Frauen, und das nicht, weil in der R&A zuletzt 19 von 20 Mitgliedern männlich waren. Exemplarisch gilt das Verhalten manches Gastgeber-Clubs der Open Championship, die die R&A austrägt. Nicht selten waren dort Jahrzehnte nach der zumindest formalen Gleichstellung in der Gesellschaft keine Frauen willkommen, der elitäre Golf Club in Muirfield rang sich erst in diesem Frühjahr zu einer dementsprechenden Reform durch. Im zweiten Durchgang. Auf großen öffentlichen Druck hin. Und weil die R&A die Austragung der Open Championship endlich an zeitgemäße Regeln knüpfte, die Diskriminierung eben nicht dulden. Es dauerte alles sehr
lange, auch weil sich der R&A Golf Club of St. Andrews selbst, über Jahrhunderte auch Ursprung der Golf-Regierung, erst 2014 bemüßigt fand, Frauen als Mitglieder ins Clubhaus zu lassen. Im Jahr 2017 haben die weiblichen Mitglieder noch immer keine Umkleide im bombastischen Clubhaus. Sie müssen rund 100 Meter in ein separates Gebäude pilgern.

Schon 2014 hatte sich Louise Richardson, die Rektorin der wirkungsmächtigen University of St. Andrews, an der sich Prinz William und Kate Middleton kennenlernten, über Spott von Seiten der männlichen Mitglieder im Golf Club beklagt. Bis dahin war der Vorsitzende der Uni automatisch auch immer Mitglied im königlichen Golf Club gewesen. Bei Richardson war das nicht der Fall. Stattdessen winkte manches Mitglied bei Empfängen spöttisch mit der Club-Krawatte in Richtung der irisch-stämmigen Amerikanerin. Richardson sprach von „Belästigung“. Es sind solche Geschichten, die dazu führen, dass auch schon mal von den realitätsentrückten Herren in den Sportgremien gesprochen wird – ungeachtet der Tatsache, dass der USGA mit Diana Murphy inzwischen eine Frau vorsteht.

Sowohl bei der US Open im vergangenen Jahr als auch bei der US Women’s Open mussten die jeweiligen Spitzenreiter auf dem Kurs von drohenden oder tatsächlich vollzogenen Strafschlägen erfahren, weil jemand am Fernseher einen Regelverstoß zur Anzeige gebracht hatte. Dustin Johnson gewann dennoch, US-Kollegin Lexi Thompson scheiterte unter Tränen im Stechen. Der Aufschrei war groß, das Vorgehen der USGA wurde von Spielern als „Schande“ bezeichnet, Rory McIlroy sprach von einer „Stunde der Amateure“.

 

Die wichtigsten Aufgaben der R&A

  • Gegründet 1754, seither Boss der „Rules of Golf“, seit 1952 gemeinsam mit der USGA, die 1894 ins Leben gerufen wurde. 2012 erschien erstmals ein Regelbuch, das weltweit galt. Alle vier Jahre wird es überarbeitet.
  • Die R&A richtet die Open Champion-ship, das einzige Major in Europa, aus. Dazu zehn weitere Wettbewerbe. Die USGA ist unter anderem verantwortlich für die US Open und die US Women’s Open.
  • Wer Golfschläger oder -bälle auf den Markt bringen will, dem sagt die R&A, ob alles nach Equipment-Regeln abläuft. Erst dann gibt es die Zulassung.
  • 1986 führte die R&A die Weltrangliste für männliche Golfer ein. Erster Spitzenreiter: Bernhard Langer. 2007 kam das Pendant der Amateure hinzu.
  • Zudem arbeitet die R&A an der weltweiten Verbreitung des Sports durch Förderprogramme und Botschafter, so wie das auch von anderen Sportorganisationen bekannt ist.

USGA polarisiert

Ebenfalls im letzten Jahr stöhnte der kanadische Golfprofi Graham DeLaet, Mitglied der US PGA Tour, über die Entscheider der USGA: „Fakt ist doch, dass da ein Altherrenclub in New Jersey sitzt, der nie einen Schlag auf der Tour gemacht hat und Entscheidungen trifft, die unsere Familien beeinflussen.“ Wenn Sports Illustrated über die PGA of America, den Verbund der US-Golflehrer und Ausrichter des Majors PGA Championship schreibt, sie sei „nie als fortschrittlich gesehen worden“, so gilt das sicherlich auch für die zwei größten Tanker im Golf-Ozean.

Dennoch gilt als unverzichtbar, dass jemand Leitplanken setzt und nach dieser Sportart schaut, deren Wurzeln tiefer reichen als in vielen anderen Geschichtsbüchern des Sports – und die sich vielleicht deshalb auch etwas langsamer bewegt als andere.

Peter Dawson, vor Martin Slumbers 16 Jahre lang Boss der R&A, streicht die „entscheidende Bedeutung des guten Regierungsschaffens“ der Institution hervor, die sich wie die USGA damit abfinden muss, dass ihre Geschichte immer auch eine der Proteste, der Entrüstung und des Unverständnisses bleiben wird.

Überfällige Regelreform

Nichtsdestotrotz gab es natürlich auch Komplimente, wie 2017 bei der wohl revolutionärsten Regelreform seit Einführung der Golf-Paragraphen im Jahr 1744. Nach jahrzehntelangem, eher gemächlichem Renovieren am Regelwerk, ließ sich der Gentlemen-Sport tatsächlich dazu hinreißen, die Disziplin in die Moderne zu begleiten.

In St. Andrews und darüber hinaus sind sie stolz darauf, dass die alten Paragraphen des lange propagierten „Gentlemen-Sports“ immer noch den Charakter dieses Spiels bestimmen, das im Normalfall ohne Schiedsrichter auskommt und auf die Fairness seiner Sportler baut. Moderne ist eigentlich kein positives Schlagwort an Orten, an denen Golfer mit Bärten aus dem 19. Jahrhundert auf Möbel aus dem frühen 20. Jahrhundert herunterblicken.

Doch so langsam setzt sich auch an den Machtzentren des Golfsports die Erkenntnis durch, dass der Zeitenwandel auch Chancen bietet. So wurde der Regeltext um zehn Regeln von 34 auf 24 zusammengestrichen, das Spiel soll schneller und unkomplizierter werden.

Die Alarmsignale waren auch deutlich zu hören: Zwischen 2005 und 2015 sank die Zahl der Golfer in den USA von 30 auf 25 Millionen. Im traditionell ebenfalls sehr golfverrückten England gab zwischen 2004 und 2015 ein Drittel seine Golfmitgliedschaft auf. Und in Deutschland und Österreich hält die Generation 50 plus die Zahlen stabil. Nachhaltig ist das aber nicht unbedingt.

 

Noch mehr Veränderung?

Doch nun ist der Schritt getan, den Spieler von Tiger Woods bis McIlroy als guten Wurf loben. 2019 soll es so weit sein, dann sollen die neuen Regeln, ersonnen im Osten Schottlands und im Osten der Vereinigten Staaten, Realität werden.

Zu viel Veränderung muss aber dennoch nicht sein. In der Diskussion um eine mögliche Reform der Bälle, die die für viele übermäßigen Flugweiten eindämmen soll, veröffentlichten die Machtzentren im Frühjahr eine Studie, die besagte, dass die Länge der Abschläge auf der Tour eben doch gar nicht signifikant zugenommen habe; ein neuer Ball also eigentlich gar nicht nötig sei. Auf 18,2 Zentimeter mehr kommen R&A und USGA in einem Jahrzehnt. R&A-Boss Slumbers betonte bei der Veröffentlichung, man habe bei der Studie sehr eng mit Jack Nicklaus und Gary Player zusammengearbeitet – allesamt bislang eher Kritiker des herkömmlichen Balles.

Dieser Darstellung widersprach Sir Michael Bonallack. Der ehemalige hochrangige Mitarbeiter der R&A berichtet von einem Brief an die R&A und die USGA, den vor Jahren auch Jack Nicklaus und Gary Player unterzeichnet hatten. Der Tenor war klar: „Es ist außer Kontrolle. Der Ball fliegt zu weit.“

Ein Jack Nicklaus, zwei Meinungen? Das ist nicht geklärt. Bonallack behauptet, er habe in der Folge ein Memo zu Gesicht bekommen, das zusammen mit dem Brief innerhalb der R&A an den damaligen Chef Peter Dawson geschickt wurde. Darauf stand: „Haben Sie das gesehen? Bitte bedenken Sie das Alter der Unterzeichner.“ Vom Inhalt des Briefes war in der Folge nicht mehr die Rede. Er liegt vielleicht noch irgendwo im alten Gemäuer von St. Andrews. Als Zeichen dafür, dass auch Veränderungen Angst machen können. Selbst wenn sie von alten Männern herbeigesehnt werden, die einmal ein paar Majors gewonnen haben.