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Caddie – der wichtigste Mann


Caddies sind Golf-Tradition – und für viele gleichzeitig Sinnbild eines elitären Rollenverständnisses. Dabei ist ein Caddie inzwischen weit mehr als der devote Hilfsbursche, der er einmal war.

Von: Frieder Pfeiffer

Wer von außen auf den Golfsport schaut, der muss nicht lange schauen, um sich auf einfachste Weise ein grundlegendes Klischee bestätigen zu lassen. Mann trägt Golfer die Schläger hinterher – wie gut passt das zum scheinbar elitären Sport, der die oberen Zehntausend über grün angepinselte Flächen jagt. Naja, jagt. Spazieren gehen, sagen Spötter. Aber das ist ein anderes Thema. Viel wichtiger: Woher kommt der Caddie? Und wird diese Tradition auch in Amateurkreisen in vielen Teilen der Welt noch gepflegt?

Der Begriff des Caddies, dem Taschenträger, hat seine Ursprünge im feudalen französischen System, in dem sich die früh golfverliebten Schotten auch gerne sprachlich bedienten. So wurde „le Cadet“, der Junge, in Schottland zum Cady oder Caddy, dem Hilfsburschen. Von dort fand er den Weg auf die Golfplätze. Im 18. Jahrhundert suchte der Caddie Golfbälle und gehörte, sagen wir, nicht zu den Berufsgruppen, die die beliebtesten Schwiegersöhne hervor brachte. Zu lukrativ war der Weiterverkauf der damals sehr wertvollen Bälle. Der Caddie-Beruf war auch ein Sammelbecken zwielichtiger Gesellen.

Caddie – unbeliebt und gewitzt

Ein berühmter Vertreter war laut New York Times Willie Johnson, der unter dem Vorwand, zwei unterschiedlich lange Beine zu haben, in der besonders dicken und hohlen Sohle seines einen Schuhs die Bälle verschwinden ließ. Ein besonders gewitzter Hilfsbursche, der sich am meisten selbst zu helfen wusste. Die Rolle des Caddies veränderte sich seither stetig – bis heute. Also ist er das noch immer, ein Hilfsbursche?

Im deutschsprachigen Raum ist der Caddie eigentlich nicht mehr zu finden, in traditionelleren und touristischeren Golfnationen ist er eine Art Guide für Gäste, die die Kurse nicht kennen. Ein Hilfsbursche sieht anders aus, auch Bezahlung samt Trinkgeld ist dem – glücklicherweise – entwachsen. 

Und wie sieht es mit den Profis aus? Da ist es wohl relativ einfach: Die Taschen der Besten wiegen 15 bis 25 Kilogramm. Und da es nicht verboten ist, einen Caddie zu haben, ist es naheliegend, dieses Gewicht nicht freiwillig stundenlang selbst über den Kurs zu schleppen, wenn es um Millionen geht. Dafür ist die Bezahlung inzwischen grundsätzlich durchaus in Ordnung – so lange man sie nicht mit den Chefs in Vergleich setzt.

 

Bei den bekanntesten Caddies der Welt, den Taschenträger der Profis, ist allein der Begriff Bursche eine Beleidigung. Vielmehr ist überall auf der Tour vom Partner oder sogar Bruder die Rede, vom Menschen, mit dem man mehr Zeit verbringt als mit jedem anderen auf der Welt. Bis zu zehn Stunden am Tag kommen schnell zusammen. Als sich Phil Mickelson im vergangenen Jahr nach gut zwei Jahrzehnten von seinem Caddie Jim „Bones“ Mackay trennte, sagte er: „Meine Beziehung mit Bones war mehr als Golf. Er war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Und Amy Mickelson, die Frau des fünfmaligen Major-Siegers verriet der New York Times: „Es gibt keine Worte, die beschreiben, was er uns bedeutet.“ Mackay hatte sogar seine seine Ehefrau über Amy Mickelson kennen gelernt. Mickelson nannte „Bones“ seinen „wichtigsten Mann“.

Dieser wichtigste Mann hat gar nicht so viele Aufgaben, die fix sind. Die Tasche will richtig gepackt sein, das Yardage Book muss penibel ergänzt werden, die Golf-Werkzeuge immer top in Schuss und vollzählig vorhanden (und natürlich nicht in Überzahl). Craig Connelly, Caddie des Deutschen Martin Kaymer, erzählte schon davon, wie er kurz nach Sonnenaufgang Major-Plätze abschritt und persönlich unter Augenschein nahm. Den offiziellen Dokumenten allein wollen viele Caddies nicht mehr trauen. Und die Arbeitgeber erwarten das auch.

Und sie erwarten, dass ein Caddie weiß, wann er reden darf und wann er ruhig ist. „Es ist viel Psychologie“, sagt Connelly. Ein guter Caddie weiß vor dem Spieler, wann der Hunger oder Durst bekommt, er fühlt Stimmungen, bevor sie entstehen und schreitet ein, bevor der Spieler merkt, dass etwas aufzieht.

Nicht immer klappt das. Der Australier Robert Allenby feuerte seinen Caddie 2015 nach einem Wortgefecht mitten auf der Turnierrunde. Das Internet wimmelt von Videos, die mehr oder weniger lustige Diskussionen über die richtige Strategie zeigen. Manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Caddie und Spieler – „sehr nah“

Der mitunter harte aber immer vertraute Austausch erinnert an den, den auch Paare auf dem heimischen Ehe-Sofa führen. „Wir verbringen sehr viel Zeit zusammen. Es sind lange Tage und Stunden mit Training, Wettkampf und Reisen“, sagt der schwedische Major-Sieger Henrik Stenson. „Wir sind uns sehr nah“, sagt Connelly über seine Beziehung zu Kaymer. Der Deutsche, eher ein stiller Golfer, mag den regen Geist seines schottischen Partners, wie er sagt, die Witze, aber auch die Bremse, wenn er selbst im Eifer des Wettkampfs „etwas schnell über den Platz geht“, wie Connelly erzählt.

Ein Caddie analysiert die täglich wechselnden Fahnenpositionen, er kennt den Kurs besser als der Spieler, er ist Navigator und manchmal auch Beschützer vor aufdringlichen Fans. Im Idealfall, so heißt es, macht ein guter Caddie seinen Spieler auf einer Runde rund eineinhalb Schläge besser – das ist fast ein Klassenunterschied. Dafür bekommt gerne mal gut 1000 US-Dollar Festgehalt pro Turnierwoche, zusätzlich gibt es fünf bis zu 10 Prozent vom Preisgeldscheck. Das Festgehalt reicht oft gerade für Anreise, Hotel und Verpflegung. Klar ist, dass der Hauptbestandteil des Gehalts abhängig ist vom Spieler.

Vertraglich geregelt ist in diesem Nischen-Job allerdings nichts. „Es ist bizarr: Die Arbeit des Caddies basiert auf Vertrauen und läuft per Handschlag“, erzählt Colin Byrne, seit mehr als 25 Caddie auf der Tour. „Es gibt keine Verträge, nichts Schriftliches. Aber es läuft sehr gut. So old-fashioned wie es auch wirken mag, es ist der beste Weg.“

 

Natürlich wohnen die Caddies nicht mit ihren Spielern im Hotel, sie reisen in der Regel auch nicht zusammen an, auch wenn die Spieler in sozialen Medien oftmals ein anderes Bild zeichnen. „Wir sind alle unsere Travel-Agents“, sagt der Ire Byrne.

Die Besten – oder die, die für die Besten arbeiten – können es dennoch weit bringen. Steve Williams, der langjährige Caddie von Tiger Woods, wurde in den Nullerjahren zum bestbezahlten Sportmenschen Neuseelands. Doch Williams, der nach seiner Trennung von Woods einen kleinen Rosenkrieg veranstaltete und verlauten ließ, er wolle es „dem schwarzen A … loch zeigen“, und auch Mackay sind Ausnahmen.

Keine Altersvorsorge, keine Krankenversicherung

Die Opfer der durchschnittlich bezahlten Caddies sind zahlreich. Die Wochen im eigenen Zuhause sind schnell an zwei Händen abgezählt. Und für die Familienbegleitung auf Tour fehlt den freiberuflich arbeitenden Zeitarbeitern meist das Geld. Caddies wohnen gemeinsam in billigen Hotels, haben keine Altersvorsorge und keine Krankenversicherung. Sie warten in separaten Räumen auf ihren Einsatz, die großen Türen in den Clubhäusern bleiben ihnen weiterhin verschlossen. Und auch wenn sie die Turnierwerbung über den Kurs tragen, sind ihnen eigene Deals auf der Kleidung nicht gestattet. Das hat die Tour erst neulich wieder bekräftigt, als die Caddies sich trauten, aufzubegehren.

Und so tragen sie weiter. Und werden es noch lange tun. Die Zahl der Caddies steigt – und damit die Macht der Spieler. Viele Profis aus unteren Ligen versuchen sich inzwischen an der Tasche, das Angebot wächst, der Preis droht zu sinken. Der Ruf des Caddies ist inzwischen ein weitaus besserer als vor rund 150 Jahren. Und auch die schlimmen Zeiten von Augusta bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, als ein Spieler weiß und ein Caddie schwarz sein musste, hat der Job überlebt. Und mehr noch. So mancher hat es geschafft „mein wichtigster Mann“ genannt zu werden.