Sergio Garcia: Masters-Titelverteidiger im Interview


Ein Interview mit Sergio Garcia, dem spanischen Masters-Champion 2017, über seine größten Erfolge im Golfsport, sein Leben als Familienmensch und das berühmte Green Jacket.

Von: Conny Konzack

Impact point AG – turning passion into success! Die Leidenschaft ist im Slogan von Sergio Garcaas Management-Agentur im schweizerischen Teufen schon „eingebaut“. Kennen Sie nicht? Den Chef sicherlich schon, denn es ist kein Geringerer als Sky-Golf-Moderator und Kommentator Irek Myskow. Früher selbst Profi, absoluter Insider über alles, was mit Golf und dem Profi-Golf zu tun hat – und ein Emotionsmensch, wie er im Buche steht. Manche mögen’s, weil Golf für Außenbetrachter ohnehin eher ruhig und bedächtig rüberkommt. Manchen ist Irek Myskow eher zu emotional. Wie auch immer: Der agile Manager-Moderator hatte seit dem 9. April 2017 Mega-Stress der positiven Art: „Seit Sergios Masters-Sieg steht das Telefon nicht mehr still – vor allem Lifestyle-Medien weltweit wollen alles von ihm. Die Vogue macht im Sommer sogar ein achtstündiges Foto-Shooting für ihre Ausgaben weltweit. Das gefällt natürlich vor allem Sergios Frau Angela, einer bildhübschen amerikanischen Journalistin, die so gerne über alles Mögliche und Unmögliche twittert, dass man sie schon bremsen muss.“

Sergio Garcia im Interview

Perfect Eagle: Fühlst Du seit dem Masters-Sieg Veränderungen an Dir selbst und bei den Kollegen?

Sergio Garcia: Ja, aber nur positiv. Ok, in den Unterhaltungen untereinander spüre ich ein wenig mehr Respekt, aber keineswegs Neid. Ich habe das Gefühl, dass mir jeder Kollege diesen späten Sieg auch echt gönnt. Und ich selbst möchte auch gar keine Veränderungen. Ich habe vor dem Sieg ein zufriedenes Leben geführt und so soll’s auch weiterhin sein. Mein inneres Glück hängt nicht von einem Sieg ab, auch wenn er mir sehr gut tut – da mache ich keinen Hehl daraus. Das Unglaublichste war für mich aber danach der Moment, als mich Ende April beim spanischen Fußball-Klassiker Real gegen Barcelona im Madrider Bernabéu-Stadion 90.000 Fußballfans mit „Sergio, Sergio“-Rufen begrüßten und ich im grünen Golf-Jackett des Masters-Sieger den Ehren-Anstoß machen durfte. Das waren Emotionen pur! Gänsehaut!

Perfect Eagle: Nach dem Masters hast du geheiratet. Kann es sein, dass Dich die Liebe dieses Jahr so beflügelt hat? Würde zu Deinen Emotionen passen.

Garcia: Absolut! So kann man’s ausdrücken. Ich habe immer gesagt: Wenn die Dinge neben dem Job auch gut laufen, ist man da besser, konzentrierter, intensiver, weil man sich dann umso mehr wieder auf das Schöne freut!

 

Perfect Eagle: Hilft es Dir eigentlich, dass sie auch etwas vom Golf versteht?

Garcia: Ja natürlich, immerhin war sie ja selbst mal sehr gut und sogar College-und Uni-Spielerin. Angela weiß nicht nur, wie man den Schläger hält, sondern auch, wie man sich in bestimmten Situationen im Golf verhält.

Perfect Eagle: Dein Masters-Sieg gegen Justin Rose war gegen einen echten Freund. Macht das emotional einen Unterschied?

Garcia: Gute Frage! Hab ich auch schon oft drüber nachgedacht, aber noch keine endgültige Antwort gefunden. Was ich weiß ist, dass ich gegen meine Buddies einfach lieber spiele. Doch ich bin auch so ehrlich, dass ich sie gerade deswegen auch gerne besiegen möchte, aber ich denke, das geht den anderen selbst auch so. Seine Kumpels will man doch auch am liebsten besiegen, egal in welchem Sport, ist doch so, oder? So geht’s uns Profis auch, am meisten Spaß macht es, wenn man sich neckt und gegenseitig aufzieht. Wichtig ist mir nur immer der Respekt! Der muss bleiben! Gerade unter Freunden!

El Nino – nun ein Großer

Perfect Eagle: Sergio, wie hast Du über insgesamt jetzt drei Jahrzehnte im Golfsport und vor allem als Profi immer Deine Leidenschaft für diesen Sport halten können? 

Garcia: Es ist doch so simpel! Ich liebe alles, was mit Sport zu tun hat – und besonders Golf! Es ist eben Leidenschaft! Ich kann’s nicht anders erklären und will auch nichts Krampfhaftes erfinden. Passion, man! It’s passion! Die Leidenschaft ist doch das Allerwichtigste. Halbherzig brauchst Du gar nicht erst aufs Fairway oder Grün zu gehen. Dazu gehören aber auch das harte Arbeiten und Trainieren, die vielen Emotionen up and down, die Feelings, die Freude. Ich vermute allerdings, wenn der Sport einseitig und langweilig wäre, wär’s anders. Ich glaube, das gilt ebenso für Profis wie für Amateure.

Perfect Eagle: Du warst ja früher oft als Hitzkopf bekannt, wirkst jedoch seit vielen Jahren ruhiger. Hast Du das trainieren müssen – und was rätst Du dem Amateur?

Garcia: Glaube mir, es herrscht bei uns oft Hochdruck im Kopf! Nur lernt man mit der Zeit, damit umzugehen und es den anderen Menschen, vor allem den Gegnern, nicht so zu zeigen, weil er ja dann möglicherweise einen Vorteil aus Deinen negativen Emotionen ziehen könnte. Ein wichtiger Tipp von meinem Vater und Trainer half mir schon immer sehr viel: Langsam und gleichmäßig atmen, auf keinen Fall in Not-Situationen den Atem anhalten – das kennen ja viele –, sondern ruhig, aber bewusst weiter zu atmen. Und dann kommt das Selbstbewusstsein dazu: Hat man’s, geht vieles leichter. Wer unsicher über sich selbst ist, zögert, hadert und verhaut, was sich im Golfen ja oft fatal auswirkt. Auch mein großes Vorbild Seve Ballesteros hatte ja bekanntlich viel Emotionen im Spiel. Aber von ihm hatte ich gelernt, die richtig zu steuern und einzusetzen. Negative Emotionen killen Dein Spiel, positive helfen dagegen.

Perfect Eagle: Bitte noch ein Tipp: Was bedeutet eigentlich Erfahrung?

Garcia: Ja, da kann ich behaupten, dass die wichtig ist. Darum gibt es so viele ältere Golfer, die immer noch gut mit den Top Guys mithalten können. Schau doch mal Bernhard Langer an: Was der seit Jahren – wenn auch jetzt auf der Seniors Tour – auf den Platz zaubert, ist nicht nur einzigartig, sondern für mich ein Resultat seiner Erfahrung. Und die bedeutet, dass man sich in vielen Situationen an frühere erinnert und das, was man da möglicherweise falsch gemacht hat, nun in diesem Moment ins Gedächtnis zurückholt und dann eben nicht falsch wiederholt. Die oftmalige Wiederholung von Fehlern ist ja eines der Phänomene bei Amateuren, ebenso wie die vielen guten Wiederholungen, die der Profi schafft, unser Kapital ist. Schau doch mal auf eine Driving Range! Erfahrung ist für mich ein Mix aus vielem: Vor allem die guten und schlechten Erlebnisse, die oft auch Jahre zurückliegen. Und dann die Erinnerung daran. Wenn das wenigstens mal bewusst ist, kann man den nächsten Schlag oder die nächste Entscheidung nur besser treffen.

Perfect Eagle: Hat Dir Deine bessere Fitness dazu geholfen?

Garcia: Klar, wer fitter ist, konzentriert sich besser und schlägt dann auch entsprechend besser. Wenn Du aber vor dem Ansprechen schon mächtig keuchst, wird’s schwierig. Ich mache ja alle möglichen Sportarten: Fußball, Tennis, Cardio im Fitness-Raum, ab und zu Gewichte. 2007 war ich mal richtig dünn – aber auch dünnhäutiger. Dann habe ich angefangen, mehr Muskeln aufzubauen und insgesamt mehr Workout zu betreiben. Das hat mir schon geholfen. Rory McIlroy ist ja auch so ein Beispiel. Jeder erinnert sich, wie der früher ausgesehen hat. Und jetzt wie ein Body-Builder, aber mit der Kraft an den richtigen Stellen. Da hat sich im Golfsport ja generell enorm viel getan – und ich musste irgendwie mithalten. Aber für Golfer gilt meines Erachtens: Alles fein dosiert, denn jeder Golfer weiß: Nur Power hilft in diesem Sport nicht. Was ich nie betrieben habe, war die mentale Fitness. Für mich galt immer nur, an mich und meine Fähigkeiten zu glauben. Ich habe auch nie Gedächtnis-Training oder so etwas gemacht.

Perfect Eagle: Aber die Technik geändert. Zum Beispiel mit Deinem immer noch relativ neuen Claw-Griff, den sich übrigens jetzt auch Michelle Wie angeeignet hat.

Garcia: Ja, den hat sie bei mir abgeschaut. Wir hatten uns Anfang des Jahres mal bei den Honda Open getroffen und darüber gesprochen. Ich fühle mich mit dem Griff, bei dem der Putter-Griff zwischen Daumen und Zeigefinger liegt und das V dazwischen pusht, einfach wohler, weil ich damit beständiger putte, was bei uns eben auch besser bedeutet. Ansonsten hilft die moderne Technik im Golfsport mehr als früher. Besonders die Bälle haben sich positiv verändert, die Schlägerschäfte ebenso, und auch die Schuhe. Ich versuche, von meinem Ausrüster immer alles Neue wenigstens zu testen. Ob ich es dann auch im Turnier spiele, ist eine andere Sache. Wir Profis tendieren ja da eher zum Konservativen, aber klar: Kaum ein Sport hat von moderner Technologie so profitiert wie Golf. Alles wird bequemer, auch die Kleidung, alles wird leichter und funktionaler, alles wird einfacher zu bedienen. Ist doch gut für den Sport, oder?

Perfect Eagle: Leider zeigen die Zahlen, dass in vielen Ländern, auch in Deutschland, die Golfer nicht gerade mehr, sondern weniger werden.

Garcia: Auch in meiner Heimat Spanien. Das lag da aber vor allem an der Wirtschaftskrise nach 2008. Da hatten die Menschen andere Sorgen und jetzt, wo es etwas besser ist, zögern sie vielleicht, ob sie mit Golf oder Tennis oder einem anderen Sport weitermachen. Mein Tipp für die Zukunft des Golfsportes heißt, in die Kinder zu investieren, um deren Leidenschaft für Golf zu fördern.

Perfect Eagle: Gibt es eigentlich Regeln oder Angewohnheiten im Golfsport, die Du ändern würdest?

Garcia: Da muss ich wirklich lachen. Viele! Sehr viele! Aber ich bin ja kein Regel-Papst. Ich würde für uns Profis aber auf jeden Fall den Unsinn schnell abschaffen, dass sich ein Ball beim Ansprechen keinen Millimeter bewegen darf. Wir spielen nun mal auf Naturboden und Grashalme bewegen sich. Die jetzige Regelung ist lächerlich und gehört abgeschafft. Aber die diversen neuen Grundregeln, die jetzt weltweit eingeführt wurden, halte ich für vernünftig.

Perfect Eagle: Und da Du ja jede Woche bei ProAms siehst, was Amateure oft falsch machen – was ist Dein Ratschlag?

Garcia: Habt ihr so viel Platz? Nein, ehrlich. Die meisten schlagen mit viel zu viel Härte, zu viel Pressing. Sie spielen nicht. Aber noch wichtiger ist: Amateure sollten den Sport mehr genießen und nicht nur siegen wollen. Und da bin ich froh, dass mir mein Dad das neben dem richtigen Griff, dem richtigen Tempo und der richtigen Balance geradezu eingeimpft hatte: Enjoy the game!

Perfect Eagle: Sergio, bitte ergänze: Mit 50 …

Garcia: … möchte ich noch auf Tour sein, aber auf der Seniors Tour, um da mit noch mehr Erfahrung mitzuhalten. Denn die Leidenschaft für Golf wird mich nie loslassen, das weiß ich jetzt schon. Dazu ein paar Kids, den gleich guten Lifestyle wie heute und vor allem gesund und glücklich sein. Materielles war mir nie das Wichtigste!

Sergio García Fernández war schon als Amateur erfolgreich, gewann 1997 mit der Catalonian Open Championship sein erstes Profiturnier, wechselte 1999 (mit Handicap +5) endgültig ins Profilager und belegte gleich in seinem ersten Profijahr hinter Tiger Woods den zweiten Platz bei der PGA Championship in Medinah. Darauf folgten Siege auf der US PGA und der European Tour, 2000 die Verleihung des Laureus Awards für den besten Newcomer – und insgesamt fünf Ryder Cup-Teilnahmen, u.a. 2006 mit vier Siegen als erfolgreichster europäischer Spieler. Erst nach 20 Jahren im Golfsport gewann „El Niño“ im April 2017 mit dem Masters sein erstes Major-Turnier – im Stechen gegen seinen englischen Freund Justin Rose. García ist damit der dritte Spanier nach seinen beiden Vorbildern Severiano Ballesteros und José Olazábal, der im Golf-Mekka Augusta triumphieren konnte.