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Golf und Liebe – einer zu viel?

Warum Golf und Liebe manchmal doch zusammengehen


Von: Frieder Pfeiffer

Sie kamen allein. Im Sommer 2017 fuhren 20 Golfer ohne Partner zum Golfclub Reinfeld in Norddeutschland und spielten ein Turnier. Am Ende gab es einen Sieger der Männerwertung und eine Siegerin der Frauenwertung. So weit, so normal. Dann gewannen beide einen Restaurant-Gutschein: Ein Essen für zwei, für Sieger und Siegerin, ein Date der Besten, ein Abend zum Kennenlernen – so neu, so gar nicht normal. „Pa(a)r-Chippen“ nannte der Golfclub bei Lübeck sein Single-Turnier, angelehnt an eine Kontaktbörse im Internet, bei der sich Suchende im Minutentakt verlieben sollen. Golf und Liebe – wenn es so einfach wäre. Oder ist es das?

Es kamen mehr Frauen als Männer nach Reinfeld und wer nachfragt beim Club, wie es denn so gelaufen sei, bekommt eine eindeutige Antwort: „Die Leute wollen am liebsten gleich das nächste Turnier dieser Art.“ Wahrscheinlich scheitert dieses Vorhaben an der Organisation, heißt es in der Verwaltung. Doch sicher ist: 2018 dürfen sich alleinstehende Golfer wieder kennenlernen. Bis dahin gilt es, zu beobachten, ob sich vielleicht der eine oder die andere aus dem Single-Stand verabschiedet.

„Noch gibt es keine Auskünfte über langfristigen Erfolg.“

Der Golfplatz als Rendezvous-Marktplatz, eine nicht überall erforschte Spielwiese für eine moderne Gesellschaft, die zwar individueller unterwegs ist, die Zweisamkeit jedoch nicht missen möchte. Der Golf Club Beuerberg bei München war einer der Vorreiter mit dem Junggesellencup, der schon in den 90er-Jahren ausgespielt wurde. Inzwischen gibt es Single-Reisen für Golfer und einen eigenen virtuellen Singlegolfclub im Netz, dessen Mitgliedschaft nicht auf Lebenszeit angelegt sein dürfte. Auch in Österreich spielen alleinstehende Golfer beim 1. Vorarlberger Single Golf Cup im Golfclub Montfort Rankweil um Birdies und Bekanntschaften.

Eignungsprüfung im Expressverfahren

Golf fördert den Kontakt, ist gesellig und kommunikativ – nicht nur beim Getränk auf der Clubterrasse. Und Golf-Singles erleben einen Vorzug, wenn es ums erste Kennenlernen auf dem Platz geht, der den Bekanntschaft Suchenden anderer Disziplinen oft vorenthalten bleibt: Wer gemeinsam Zeit auf dem Golfplatz verbringt, erfährt so manches über den Charakter seines Flightpartners. „Wie sich jemand im Spiel verhält, lässt Rückschlüsse auf sein Verhalten in der Beziehung zu“, weiß Lisa Fischbach, Single- und Paar-beraterin in Hamburg und Diplom-Psychologin beim Kontaktportal ElitePartner.

Die Eignungsprüfung erfolgt also tatsächlich im Expressverfahren. 18 Löcher – und bereit für ein Leben zu zweit? So weit muss es dann nicht gehen, doch ein Partner auf dem Grün, der sich rücksichtsvoll verhält und ruhig auftritt, wird zuhause beim ersten Missverständnis nicht unbedingt gleich mit Tassen und Tellern schmeißen. „Beim Sport zeigen sich meist noch andere Persönlichkeitsanteile als im Alltag“, sagt Psychologin Fischbach. Diese Erkenntnis hilft, den Mut aufzubringen, der benötigt wird, wenn sich jemand auch in höherem Alter auf einen Menschen einlassen will.

Und hat man sich eingelassen – was passiert dann mit dem Golfspiel? Oder anders: Was ist besser für mein Handicap: Single oder Partner? Für die Expertin hat das Paar-Hobby natürlich Vorteile – in erster Linie für die Beziehung, nicht das Handicap. „Das Ausloten von Gemeinsamkeiten in Bezug auf Interessen ist immer wertvoll für das tiefergehende Kennenlernen“, so Fischbach. In der Zweiergruppe auf die Runde ist für viele die Erfüllung des Golfertraums, vor allem bei Golfern, deren Partner keine Lust auf den kleinen weißen Ball haben. Gemeinsame Golfurlaube, Gespräche über Traumkurse und Traumschläge – das ist viel gemeinsam verbrachte Zeit, die eine Partnerschaft zwischen Golfer und Nichtgolfer nie aufholen kann. „Wie bei jeder anderen Sportart auch hilft es, wenn der Partner für den Sport, den man betreibt, Verständnis, Geduld und manchmal sogar Begeisterung aufbringt“, erklärt Mental-Trainer Martin Schütt (mentaltraining-golf.de). Aber: „Ein Golfer, der in einer Partnerschaft lebt und womöglich Kinder hat, wird naturgemäß nicht so viel Freizeit aufbringen können.“

Im besten Fall gleicht ein Golfer in der Beziehung diesen sportlichen Malus durch die emotionale Stabilität eines ausgeglichenen Menschen wieder aus. Eine glückliche Beziehung sei wohl eine der kraftvollsten Ressourcen, die ein Sportler für sich nutzen könne, meint Coach Schütt: „Ein Single muss sich stets aus sich selbst heraus motivieren, was in Phasen von Stress und Drucksituationen ein entscheidender Nachteil sein kann.“

Private Probleme im Clubhaus abgeben

Schwieriger wird die Bewertung im Falle einer krisengeplagten Beziehung. Golfer mit privaten Problemen „treffen als Spieler falsche Entscheidungen, können sich schlechter konzentrieren und verlieren den Fokus auf das Spiel“, sagt Schütt. Auch für Psychologin Fischbach ist die Wunschvorstellung für erfolgreiches Golf in diesem Fall unmöglich. „Grundsätzlich ist es eine ideale Voraussetzung, sich beim Sport aller Gedanken und Sorgen zu entledigen und sich nur auf das Match zu konzentrieren.“ Dadurch könnten meist die besten Leistungen abgerufen werden.

Und natürlich besteht die Gefahr, dass eine gemeinsame Golfrunde bereits existierende Probleme sogar verstärkt. Oder Ungereimtheiten aufdeckt, die bislang friedlich unterm Ehe-Teppich schlummerten. Auf Gut Häusern bei München nennen sie den lange gepflegten Paar-Vierer nicht ohne Grund auch „Scheidungs-Vierer“. Mental-Trainer Schütt versteht die Schwierigkeiten, wenn Paare „mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen an diesen Sport gehen. Wo der eine das Handicap jagt und im Turnier stets die höchste Leistung verlangt, spielt es sich schlecht mit jemandem, der aus Geselligkeit und Entspannung Golf spielt. Die Vorstellungen im Golf sollten nicht zu konträr sein.“

Golf und Liebe: jeweils sehr viel Arbeit

Außerdem misst sich nicht jeder gerne mit seinem Partner, was beim Golf nicht wirklich vermieden werden kann. Für den einen ist es Stress, den Partner dabei zu wissen, er fühlt sich unzulänglich bei verpatzten Schlägen und zweifelt. „Es kann innerlich bremsen“, weiß Diplom-Psychologin Fischbach. Andere fühlen sich sicher und laufen zur Höchstform auf.

All diesen Problemen fühlen sich Singles deutlich weniger ausgesetzt. Doch die Studie, dass Singles deswegen die besseren Golfer sind, die gibt es nicht. Im Endeffekt verhält es sich mit dem Golfsport eben genau wie mit der Zweisamkeit: Es ist viel Arbeit, es gibt viele Aufs und gefühlt noch mehr Abs – und nach 18 Löchern oder fünf oder 50 Jahren wäre das Fazit wünschenswert: Es hat sich gelohnt, ich würde es noch einmal machen.